Von einem gewissen Xenophanes abgesehen, der im sechsten vorchristlichen Jahrhundert die etwas verfrühte und eigentlich unfruchtbare Idee hatte, die bunte Vielheit der hergebrachten Götter zu leugnen zugunsten eines doch etwas verblasenen Seins, oder wie er das nannte, ist mit X vorn (mit x hinten ist es zweifellos Marx) Xenophon sicher der berühmteste Schriftsteller. Er war ein Zeitgenosse Platons, wie dieser ein Schüler des Sokrates (aber ein sehr viel besserer, wie unser Wieland nicht müde wird zu betonen), begüterter Landwirt, sportlich und seiner Neigung nach Offizier und Söldnerführer. Als der persische Königssohn Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes zog, weil er selbst König werden wollte, zog Xenophon mit, wegen nichts im Grunde . Die entscheidende Schlacht gegen Artaxerxes, 401 bei Kunaxa, gewannen zwar die Leute des Kyros, der aber starb dabei; Eifersüchteleien veranlassten einen persischen Führer, eine Reihe von griechischen Offizieren umzubringen, woraufhin Xenophon und der Spartaner Cheirisophos die Führung der zehntausend Söldner übernahmen, um sie aus dem fernen Land wieder zurückzuführen. Dreißig Jahre später, Xenophon wurde gute fünfundsiebzig Jahre alt, beschrieb er diesen Zug der Zehntausend in einem Buch, das seither eines der berühmtesten der Welt ist, namentlich durch dieses legendäre "Thalatta, Thalatta", das die Zehntausend (oder wie viele davon noch übrig waren zu diesem Zeitpunkt) alle wie aus einem Mund ausriefen, als sie endlich ungefähr bei Trapezunt, das Meer wiedersahen, das Schwarze Meer in diesem Fall.

"Männer, ich freue mich, von euch geehrt zu werden!"

Vor noch zweihundert Jahren etwa gab es sehr viel weniger zu lesen als heute. Der englische Historiker Strachey erzählt von alternden französischen Salondamen des 18. Jahrhunderts, die so sehr alles ausgelesen hatten, was es gab, dass sie schließlich sogar Shakespeare lesen mussten; und ich stelle mir vor, dass in solchen Zeiten Xenophons Anabasis, so heißt dieser Bericht, eine noch interessantere Lektüre war, als sie es heute für uns ist. Xenophons Stil galt immer als angenehm und flüssig, auch seine berühmten Erinnerungen an Sokrates haben in diesem Punkt ihre Meriten, selbst wenn man sagen möchte, dass Sokrates selber in den Gesprächen, die Xenophon überliefert, keinen entscheidend besseren Eindruck macht als in den Dialogen Platons. Wie alle Strategen, wenn sie hinterher Berichte über ihre Feldzüge verfassen, ziert sich natürlich auch Xenophon nicht und spendet sich Lob, wo Lob nun einmal am Platze ist; als er etwa zum alleinigen Oberbefehlshaber gewählt werden soll, lässt er sich sagen: "Männer, ich freue mich, von euch geehrt zu werden, ich bin ja ein Mensch."

Aber wie er mit seinen Leuten so durch die fremden irakischen Einöden und türkischen Gebirge zieht, durch exotische Bergvölker hindurch ("Hierauf erhob sich Xenophon und sprach: Soldaten, den Weg müssen wir, wie es den Anschein hat, zu Fuß zurücklegen; denn wir haben keine Schiffe") und allen begreiflichen Unmut der Soldaten abwiegelnd, das liest sich schon sehr gut. Ein anderes Mal zum Beispiel, als ein gewisser Kleandros, der kein Freund Xenophons war, die Auslieferung eines gewissen Agasias verlangte, der einen Freund des Kleandros mit Steinen beworfen hatte, andernfalls er, Kleandros, sofort wegsegeln werde, schreibt Xenophon, als einige meinten, das müsse man nicht weiter schwer nehmen: "Xenophon aber meinte, man dürfe die Sache nicht leicht nehmen; er erhob sich und sprach: Soldaten, ich glaube, wir dürfen die Sache nicht leicht nehmen…" und so weiter – das gibt sich bieder, ist aber doch mit einigem Raffinement gemacht und mit einem sicheren Gefühl dafür, wie viel an homerischen Elementen man bürgerlichen Lesern noch zumuten konnte.

Für uns heute ist das Buch ein ganz andres geworden, weil darin, auch wenn man sagen mag, dass die Menschen sich immer gleich bleiben und dass dies die Hauptlehre alter Bücher sei, die Soldaten wenigstens ganz andre sind. Sie haben noch keine Feuerwaffen, keine Maschinen, keine schnellen Fahrzeuge und nur segelnde Schiffe oder solche mit Ruderern. Und dann sind auch die verrückten kleinen Völker, durch die sie hindurchmüssen, nicht einfach Exoten, sondern liefern Blicke wie in andere Weltalter. Und der Berichterstatter war wirklich dabei, alles ist wirklich passiert – und das ist, obgleich eigentlich das Natürlichste für einen solchen Bericht, doch das Sonderbarste an ihm, für uns jedenfalls, die wir in der Gegenwart zwar von Realitäten fast überwältigt werden, uns für die Vergangenheit aber, als wäre das für das Vergangene und uns das Natürlichste, am liebsten an Erdichtetes halten.

Aber das alles nur am Rande; denn um nun auf Borchardt zu kommen, so hat eben auch er, und wohl wissend, was er tat, denn er konnte Xenophon sogar auf Griechisch lesen und hat das zweifellos getan, eine Anabasis geschrieben, oder jedenfalls einen Bericht, den er, rund 2315 Jahre nach Xenophon, mit diesem berühmten Wort überschrieben hat. So ein Wort ist frei, das schon, aber natürlich auch wieder nicht so frei, dass jeder sich seiner bedienen dürfte, es muss einer da schon noch andere Gründe haben, außer dem, dass er Griechisch kann.

Borchardts Gründe waren wohl zwei: Er liebte Xenophon, Xenophons Anabasis war eines seiner Leib-und-Magen-Bücher, ganz am Ende seines Lebens und unter dem Niederschreiben seiner eigenen Anabasis nahm er die des Xenophon (sonst hatte er gar keine Bücher mit auf die Flucht nehmen können) mit seinen Söhnen durch, des Griechischen wegen, aber vor allem, und darüber dozierte er dann den Kindern, weil er so große Parallelen sah zwischen Xenophons Damals und seinem Jetzt. Der zweite Grund leuchtet vor allem seinen Herausgebern ein, nämlich dass er den im Jahr 1944 verendenden elenden Krieg, wie ihn die Deutschen noch in Italien führen, eben wie Xenophon sieht, und dann, wie er den damit verbundenen Gefahren entgeht oder, genauer, seine Familie aus ihnen herausführt und dieses glückliche Herausführen wirklich empfindet, als wär’s ein Stück aus dem Xenophon.

Natürlich muss man Borchardt das glauben. Um zum Beispiel einmal dies zu erzählen (die ganze Edition des Werkleins ist hervorragend): Borchardt, so berichtet Carl J. Burckhardt, sei gestorben, als er vom Schrank oben ein Buch habe herabholen wollen. Er sei heruntergefallen in die Arme eines Sohns, tot schon, und man würde gern wissen, schreibt Burckhardt, was für ein Buch das wohl gewesen sei. Das stimmt alles, mit dem Herunterfallen in die Arme des Sohns, auch das mit dem Stuhl stimmt, auf den er gestiegen war, aber eben gestiegen war, weil oben auf dem Schrank der Tabak stand, an den er wollte. Das Entsetzliche daran ist, wie Borchardt noch hier, wo er nichts mehr dafür konnte, zum Urheber seiner eigenen Legende wird – das ist die Figur seines Lebens, dass Borchardt eigentlich nur das war, was sich um ihn verbreitete.