Eine Meldung wie aus dem Kalten Krieg der Sterne: Der Nachrichtenagentur Interfax zufolge hat ein russischer Erfinder namens Alexander Lawrynow eine Technik patentieren lassen, dank deren uns bald Cola- und Zigarettenwerbung aus dem Sternenhimmel anblinken könnte. Die Idee besteht darin, mehrere Satelliten so zu positionieren, dass sie sich zu einem Logo oder einem Slogan formen. Am Nachthimmel soll die Reklame dann durch reflektiertes Sonnenlicht so hell erstrahlen wie die Sterne. Der Ethikrat hält das für einen ganz finsteren Plan.

Gerade die abendlädische Philosophie in ihrer Doppelrolle als Lichtmetaphysik und Aufklärung aus selbst verschuldeter Dunkelheit muss sich – nur scheinbar paradox – auch mit der Gefährdung des Nachthimmels durch das Überhandnehmen des Lichts auseinander setzen. Wie anders will sie das Licht der Sterne und das ihre weiter leuchten lassen? Deswegen hat sich der Ethikrat schon einmal, im Dezember des Jahres des Herrn 2002, mit jener nächtlichen Lichtverschmutzung befasst, die der tschechische Astronom Jan Hollan und die International Dark Sky Association gemeinsam so verdienstlich bekämpfen.

Doch jetzt ist die Lage der Nacht in den Zeiten des inflationär werdenden Lichts noch prekärer, eine Intervention noch dringlicher geworden. Denn nun droht die Lichtverschmutzung nicht mehr nur von der überbeleuchteten Erde, sondern auch vom Himmel selber auszugehen. Tragisch-ironischerweise ist mit dem Raumfahrtingenieur Alexander Lawrynow ausgerechnet ein Russe auf die ultrakapitalistische Idee gekommen, die Mysterien irdischer Reklame mittels eines von ihm konstruierten – und inzwischen patentierten – Satelliten im Weltraum zum Leuchten zu bringen.

Seine Reklame für diese Art von Reklame ist so feinsinnig, wie man es in diesen Dingen erwarten darf: "Kolossale Konsumentenmassen" würden diese "interkontinental" flächendeckenden "Commercials" genauso klar wie die Sterne sehen. Der Ethikrat bekundet an dieser Stelle eine gewisse Mühe, die ihm sonst so wichtige philosophische Gelassenheit zu wahren.

Indessen kann er bei etwas kühlerem Kopf der patenten Idee Lawrynows zumindest eine gewisse Logik nicht absprechen. Denn haben nicht schon die in der ehemaligen Sowjetunion so populären deutschen Denker Karl Marx und Friedrich Engels beobachtet, dass die zur Herrschaft gekommene Bourgeoisie, zu der wir Alexander Lawrynow im weiteren Sinn zweifellos rechnen dürfen, "alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet" und "die heiligen Schauer der Schwärmerei" im "eiskalten Wasser" kommerzieller Berechnung ertränkt hat? Warum sollte sie da den Himmel für die Reklame ungenutzt lassen?

Andererseits ist zu bedenken, dass gerade die sowjetische Raumfahrt mit ihrem Pionier Jurij Gagarin den Himmel leer gefunden hatte, während ihre kapitalistischen Konkurrenten und Kollegen gleich zu beten anfingen. Sollte nun ausgerechnet ein russischer Raumfahrtingenieur den Himmel mit den Nachfolgern der Götter, den Marken und ihren Logos, wiederbevölkern? Gott ist tot – es lebe McDonald’s?