Der syrische Oberst, der in Leipzig studierte, hatte nicht mal in den Kinderwagen gesehen, als er die Mutter von Madeleine auf der Straße traf und sie ihm sagte: Das ist dein Kind. Madeleines Vater blieb für immer abwesend – und doch für immer anwesend in ihrem Gesicht, in dem violett umschattete dunkle Augen vom Durchzug des Fremden zeugen. Madeleine hat mir von sich erzählt, an einem Donnerstag im Café Savarin.

Nur wenige Gäste sitzen an diesem stillen Vormittag in dem stillen Café in der stillen Kulmer Straße; die meisten trinken ihren Kaffee draußen. Momentan liebt man die erste knallige Sonne mehr als die Kühle stuckverzierter Räume. Außer mir hält sich drinnen ein Zeitung lesender älterer Mann auf, eine nervös Müsli löffelnde Dame und eine junge Schöne mit kurzem schwarzen Haar; sie trägt eine enge schwarze Trainingsjacke, die an den Ärmeln dünne rote Streifen hat. Sie habe ich ausgewählt, sie wird meine Bekanntschaft, vom Hof dringt Vogelgezwitscher.

Madeleine Steinmetz ist Kamerafrau, 34 Jahre alt und bereitet zurzeit einen Tanzfilm vor; den Auftrag hat sie bekommen, weil sie so gut mit der HD-Cam-Video-Kamera umgeht. Wir beschließen, zusammen zu frühstücken.

Ich bin öfter im Savarin, sagt sie, im Nebenhaus arbeitet eine Freundin, bei der Lesben-Beratung. Sie lächelt ein sanftes Lächeln und antwortet auf die nicht gestellte Frage: Ja, ich bevorzuge Frauen – lesbisch ist kein schönes Wort. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Frauen bevorzugen? Mit 18, in Leipzig, kurz bevor ich ausgereist bin. Ein Freund nahm mich mit in den Goldenen Adler, das war eine Tanzbar, man musste anklopfen. Ich kam da rein, und es traf mich ein Blick aus tiefen braunen Augen, er traf mich mitten ins Herz. Ich habe schlagartig begriffen: Diesen Menschen könnte ich lieben. Ich war total irritiert, denn die Augen gehörten zu einer Frau! Am nächsten Morgen bin ich erschrocken aus ihrer Wohnung gerannt. Hat Sie die Gewissheit traurig gemacht? Madeleine kichert: Nein, traurig macht mich eher, dass es so viele hässliche Lesben gibt, lesbische Frauen sind verklemmter als schwule Männer, sie können nicht richtig fröhlich sein – legen Sie Wert auf das Hörnchen, oder darf ich das essen? Was für Frauen ihr gefallen, will ich wissen. Ich mag krumme Nasen, sagt sie, Macherinnen mag ich, ich mag Energie. Uncoole Frauen finde ich charming, Frauen, die pur sind, aber auch ironisch, spielerisch.

Die Serviererin bringt noch mal zwei Kännchen Earl Grey, ihr linkes Auge ist blind, ich erkundige mich nach Savarin. Das war ein Maler, sagt sie; Näheres wisse sie nicht, das Café heiße seit 30 Jahren so. Madeleine ist in Eile, etwas muss ich sie noch fragen: Was ist heute, in diesem Moment wichtig für Sie? Eine kleine Timidität huscht über das olivfarbene Gesicht: Julia ist in der Stadt. Heute morgen lag sie neben mir, in ihrer verwaschenen Schlafanzughose mit den blauen Karos. Es ist schön, verliebt zu sein, aber es besetzt auch, man ist verknallt, restlos verknallt, nichts weiter. Nichts weiter? Das Filmen, sagt die Kamerafrau, das Filmen ist wichtig. Bisher drehe ich vor allem Geschichten, die unter zwei, drei Leuten spielen und Innerlichkeit zelebrieren, ich habe Sehnsucht nach dem großen Thema.

Das Café Savarin ist jetzt ganz leer, bis auf die Serviererin und den Mann aus der Küche. Sie sitzen an einem Marmortisch vor dem Tortenbuffet; durch die Tür fällt auf sie ein Sonnenstrahl, vielleicht hätte Savarin das so gemalt.