Eine Geschichte über die mitreißende Kraft des Big Blackfoot River könnte damit beginnen, dass japanische Touristen aufgeregt in Jim Voellers Schlauchboot klettern, sich von dem amerikanischen Fremdenführer eine künstliche Steinfliege an eine Angelschnur knoten lassen und einen dringenden Wunsch aussprechen: "Wie geht der Schattenwurf? Bitte!" Die Geschichte könnte auch damit beginnen, dass der Architekt Rod Gilchrist mit seinen Kindern und Enkeln auf eine Ranch nahe dem Big Blackfoot in Montana zieht, weil er nur hier, am Fuße der Rocky Mountains, seinen Frieden zu finden glaubt.

Aber die Geschichte beginnt in Wahrheit viel früher, im Jahr 1973, als der pensionierte Literaturprofessor Norman Maclean aus Chicago nach langem Zögern eine Erzählung zu schreiben beginnt, über seine Kindheit und Jugend am Big Blackfoot River zu Anfang des Jahrhunderts. "In unserer Familie gab es keine klare Trennung zwischen Religion und Fliegenfischen", lautet sein erster Satz. Maclean bietet das Manuskript einigen Verlagen in New York an, und die Lektoren sind entsetzt. "Fish?", wundern sie sich, "nobody fishes in New York." Notgedrungen bringt Norman Macleans Universität das Buch heraus. A River Runs Through It (Aus der Mitte entspringt ein Fluss) wird ein amerikanisches Kultbuch. Es handelt von einem Pastor schottischer Abstammung, der seinen beiden Söhnen erklärt, dass der Mensch eine verlorene Existenz sei und alles Schöne dieser Welt auf göttlicher Gnade beruhe, Bachforellen ebenso wie die Erlösung. "Im Fliegenfischen", schreibt der Sohn Norman Maclean in seinem Buch, "erhielten wir so viele Unterrichtsstunden wie in den anderen geistigen Fächern." Nachdem Robert Redford vor gut zehn Jahren aus Macleans Erzählung ein nostalgisches Kinoepos machte, reisen jedes Jahr anderthalb Millionen Angler aus der ganzen Welt nach Montana, um besser zu begreifen, was Maclean mit dem Satz meinte: "Jemand, der nicht weiß, wie man einen Fisch fängt, darf ihm nicht dadurch Schande bereiten, dass er ihn fängt."

Jim Voeller setzt seine Sonnenbrille auf und mustert den Himmel über Montana. Blau bis zum Horizont, keine Wolke, nicht einmal über den Bergkuppen. "Wo sind die Wolken?", fragt er, "wir brauchen Wolken." Der Big Blackfoot sei ein launischer Fluss, eine Diva, und erst wenn Wolken aufzögen, sei der Blackfoot in guter Stimmung, wahrscheinlich, vielleicht. Jim Voeller spricht vom Blackfoot wie von einem Menschen, und weil er sich mit Flüssen besser auskennt als mit Menschen, hat er seinen Beruf danach ausgerichtet. Fishing guide nennt sich der 34-Jährige, beinahe sein ganzes Leben hat er an Flüssen verbracht, 150 Tage im Jahr, mit einer Angelrute in der Hand. Seitdem Touristen nach Lehrern verlangen, die Flüsse erklären können, ist Voeller ein gefragter Mann.

Er stellt seinen schwarzen Ford am Ufer des Blackfoot ab, wuchtet das Schlauchboot vom Anhänger, legt feingliedrige Angelruten und hölzerne Schachteln voller künstlicher Fliegen hinein. Imitationen von Maifliegen, Steinfliegen, Köcherfliegen, Eintagsfliegen, gebunden aus den Federn von Hühnern und Fasanen, den Haaren von Rehen, Elchen und Hirschen. Tausende Fliegen, die Utensilien einer Pseudowissenschaft, sauber geordnet nach Mustern und Jahreszeiten. Die Forellen, sagt er, seien so launisch wie der Fluss. Mal kleben sie störrisch am Grund und lassen sich nicht überzeugen von den nachgebildeten Insekten, die ihnen Fliegenfischer an der Oberfläche anbieten. Mal nähern sich die Forellen, "sie steigen", betrachten den winzigen Köder und tauchen wieder ab, weil sie den Trick durchschaut haben. Fliegenfischen wird als die hohe Schule des Angelns gepriesen, die Königsklasse, und der wichtigste Lehrsatz in dieser Schule lautet: Fischen ist nicht dasselbe wie Fische fangen. "Wir wissen nicht, was der Blackfoot heute von uns will", sagt Jim Voeller.

Die Schnur auf zwei Uhr stromaufwärts, die Fliege auf drei Uhr

Er rudert hinaus, die Strömung zerrt am Boot. Vereinzelt ragen Granitfelsen aus dem Wasser, und Jim Voeller beginnt zu dozieren: "Direkt hinter den Felsen. Die Schnur auf zwei Uhr stromaufwärts ablegen, die Fliege auf drei Uhr." Er dirigiert die Bewegungen so sorgsam wie ein Grundschullehrer, der Kindern beibringt, wie man mit einem Füller einen Buchstaben malt. "So nicht, der Wurf bricht zusammen." – "Jetzt kein Rollwurf, jetzt den Schusswurf." Um etwas Elementares geht es an diesem Fluss offenbar, etwas, das man unbedingt benötigt, um in Montana das Leben zu meistern.

"Fliegenfischen", schrieb Norman Maclean, "ist eine Kunst, die in einem Viertaktrhythmus ausgeführt wird." Sein Vater, der Pastor, zog damals einen Lederhandschuh über die Wurfhand und ließ am Ufer ein Metronom ticken, damit die Söhne den Takt beim Werfen verinnerlichten. "Ich wusste nie, ob mein Vater Gott für einen Mathematiker hielt, aber er glaubte ganz sicher, dass Gott zählen konnte und dass wir Kraft und Schönheit nur erlangen konnten, wenn wir Gottes Rhythmus in uns aufnahmen." Stets sprach der Vater von einer Rute, wenn er eine Angel zum Fliegenfischen meinte. "Wenn jemand die Rute einen Stock nannte, schaute mein Vater ihn an wie ein Sergeant der US-Marines einen Rekruten, der ein Gewehr eine Büchse genannt hatte."

Es vergehen zwei wolkenlose Stunden, bis ein Fisch nach der Steinfliege schnappt. Jim Voeller sagt herablassend: "Ein Weißfisch." Keine Forelle. Ein Fliegenfischer jedoch, in Montana zumal, ist auf Forellen aus, "anspruchsvolle Fische", die kaltes, sauerstoffreiches Wasser brauchen. Mit anspruchsvollen Forellen und niederen Weißfischen verhält es sich ähnlich wie mit Fliegenfischern und gewöhnlichen Anglern. Nie käme Jim Voeller auf die abwegige Idee, einer Forelle einen zappelnden Wurm vorzusetzen. Das täten nur einfache Angler, denen Norman Maclean nichts bedeute, weil die nicht zu unterscheiden wüssten zwischen feinen und primitiven Methoden des Fischfangs. Weil die sich nicht die Mühe machten, einer scheuen Forelle hinter die Felskanten des Blackfoot zu folgen, damit die Fliege dort sanft aufs Wasser fällt, so sanft, dass eine Forelle tatsächlich darauf hereinfällt, weil sie der Illusion erliegt und die Imitation mit der Natur verwechselt.