Es war zu erwarten: Wenn die Dämme erst einmal brechen, dann werden die Fluten nicht nur die Strukturen, sondern auch die Ideen unter sich begraben, die einmal das deutsche und das europäische Sozialmodell begründet haben. Ein wichtiges Dokument für diese Entwicklung, die sich noch im Bereich der Vorstellungen abspielt, ist das erfolgreiche Buch von Gabor Steingart. Es schlägt eine neue Tonart an, die demnächst im Präsidialamt und danach im Kanzleramt intoniert werden könnte. Gut geschrieben, wirft es zentrale Fragen auf: Was ist warum seit wann schief gelaufen? Wie und wo wird es enden, wenn die Weichen jetzt nicht neu gestellt werden?

Der Autor rekonstruiert die deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts, den Weg in die Katastrophen zuerst und danach den "Wettlauf zum Wohlstand". Nicht mehr militärische, sondern wirtschaftliche Stärke entscheide über Aufstieg und Fall der Nationen. Hier aber, im "Energiezentrum der Wirtschaft", wo investiert und gearbeitet wird und die Wertschöpfung stattfindet, habe in Deutschland schon lange eine "Kernschmelze" begonnen, welche nun, in Verbindung mit einem "überforderten" Sozialstaat, das Land in den Abgrund zu reißen drohe. Die "Chronologie des Niedergangs" reiche von Adenauers Rentenformel über Brandts entspanntes Verhältnis zu ökonomischen Dingen bis hin zu Helmut Kohl, dessen kleine Wende 1982 keinen Politikwechsel eingeleitet und der nach der großen Wende 1989 "politisch alles richtig und ökonomisch alles falsch" gemacht habe. "Der Politik gelingt es kaum noch, die ökonomische Realität zu berühren."

Seine Analysen und Vorschläge zur Reform der Wirtschafts- und Sozialpolitik, ja der gesamten Verfassung würden das Buch lediglich zu einem gelungenen Beispiel des anschwellenden Mainstreams der politischen Literatur machen. Aber es ist mehr, nämlich Ausdruck und Ankündigung eines Gezeitenwechsels: ein Buch wie ein Gewittervogel, der eine neue Wetterlage ankündigt. Die scharfsichtige Analyse der Fehlentwicklungen, kombiniert mit einer ziemlichen Blindheit für all jene Zusammenhänge und Leistungen, die sich nicht in Geldgrößen ausdrücken lassen oder nicht unmittelbar zur Wertschöpfung beitragen, ist in dieser Klarheit und Konsequenz neu in Deutschland.

Das Buch weist gewiss eindrucksvoll nach, wie der sozialpolitische Nebel den klaren Blick auf die ökonomische Landschaft oft genug verstellt hat. Aber es tut mehr als das, es bahnt den Weg von einem Extrem ins andere, hin zu einem Primat der Ökonomie, der keinerlei Rücksichten mehr nimmt auf kulturelle Traditionen und gesellschaftliche Zusammenhänge.

Das europäische Modell in all seinen Varianten steht und fällt aber nicht mit der Höhe und Dauer dieser oder jener Transfers, sondern mit der "Quadratur des Kreises", wie Lord Dahrendorf einmal den ehrgeizigen Versuch genannt hat, liberale Demokratie, wirtschaftliche Dynamik und sozialen Zusammenhalt gemeinsam zu optimieren. Das war einmal das Versprechen Europas nach innen und außen, und Deutschland konnte sich dabei sehen lassen. Es könnte sein, dass das einstmals in Deutschland beheimatete Sozialmodell auswandert in jene Regionen Europas, die in Theorie und Praxis besser wissen, was eine dynamische Wirtschaft braucht und wie ein neuer Wohlfahrtsstaat aussehen könnte. Der dänische Soziologe Gøsta Esping-Andersen, der, anregend wie nur wenige, beides zusammen denkt: Wirtschaft und Gesellschaft, neue Realitäten und alte Werte, taucht bei Steingart so wenig auf wie andere, die über einen europäischen Weg in die Zukunft nachgedacht haben. Der deutsche Reformzug kann entgleisen. Es könnte aber auch sein, dass Deutsche und Europäer nachhaltigeren Erfolg haben werden, wenn sie sich erst einmal auf den Weg gemacht haben. So schlecht sind die Voraussetzungen in Deutschland gar nicht, wie selbst Steingart einräumen muss. Um freilich Vertrauen in die Zukunft zu begründen, braucht es mehr als den Tunnelblick des Ökonomen, wie auch dieses Buch wieder zeigt.