Der Weg in die Zukunft führt durch die DDR. Zu erreichen ist der Flughafen Berlin-Schönefeld über einen verwaisten Monumentalbahnhof, in dessen dunklen Gängen sich die wenigen Fahrgäste verlieren. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn zeigte sich bei einem Ortstermin kürzlich entsetzt und ordnete knapp an: "Abreißen!" 600 Meter entfernt steht das Terminal, erbaut 1976 aus zwei aufeinander gesetzten Normplattenbauten des Typs "Kaufhalle". Im alten Verwaltungsgebäude nebenan riecht die Luft auf den Fluren nach Osten. Im riesigen Chefbüro residierten in den dreißiger Jahren die Bosse der Henschel-Flugzeugwerke und später der Generaldirektor der DDR-Luftlinie Interflug. Jetzt sitzt dort Dieter Johannsen-Roth, der Mann, der sich vorgenommen hat, Schönefeld zu retten.

Der ehemalige Zentralflughafen der DDR hat es bitter nötig. Gerade einmal 1,7 Millionen Fluggäste wurden hier im letzten Jahr abgefertigt – so wenige wie zuletzt 1977. Der Betriebsverlust 2003 betrug 31,9 Millionen Euro. Dabei hat hier am Südrand der luftverkehrsmäßig kaum erschlossenen Hauptstadt schon mancher sein Glück versucht. Doch aus den hochfliegenden Plänen der Nachwendezeit ist nicht viel geworden. Auch der lange diskutierte Berliner Großflughafen entsteht hier wohl frühestens 2010. Was Schönefeld neues Leben einhaucht, sind die Billigfluglinien, die sich hier in den letzten Jahren angesiedelt haben. Durch sie gelang es, die Entlassung der halben Belegschaft, die schon unabwendbar schien, zu vermeiden. Und auf sie setzt der Geschäftsführer Johannsen-Roth auch für die Zukunft.

"Wir sind zurzeit dank neuer Billigflieger wie Germanwings, Volareweb oder Norwegian der am schnellsten wachsende deutsche Verkehrsflughafen mit über 60 Prozent Passagierplus im ersten Quartal 2004", sagt der frühere Vaillant- und Klöckner-Manager, der erst vor zwei Jahren in die Luftfahrtbranche gewechselt ist, "und in diesem Jahr wollen wir etwa 3,3 Millionen Fluggäste abfertigen." Die lähmende Stille auf dem Flugfeld macht es schwer, seine Vision zu teilen. Doch es scheint nicht unmöglich, dass der bescheiden auftretende Mann die Worte der Berliner Marketingleute wahr macht und Schönefeld das "Gruselbild für die klassischen deutschen Flughafendirektoren" wird. Immerhin verspricht er mit neuen Gebührenanreizen für die Fluggesellschaften "eine Revolution, die es auch in Köln/Bonn nicht gibt".

Erst mal geht es nach London-Luton und nach Liverpool

Köln/Bonn ist ein Reizwort in der Branche, seit die Rheinländer durch die Ansiedlung neuer deutscher Billigflieger wie Germanwings und Hapag Lloyd Express (HLX) einen gewaltigen Aufstieg erlebten. Nach 5,5 Millionen Passagieren 2002 erwartet man in der Wahner Heide für dieses Jahr schon 8,5 Millionen, die Hälfte von ihnen Billigflugpassagiere. Damit sich das Wunder von Wahn in Schönefeld wiederholt, hat Johannsen-Roth eine Fluggesellschaft gewonnen, die von allen Wettbewerbern als ernsthafte Bedrohung ihrer Märkte empfunden wird. In dieser Woche hat easyJet hier seine erste deutsche Niederlassung eröffnet. Die 1995 gegründete englische Airline ist mit 20 Millionen Passagieren und 75 Flugzeugen einer der beiden hoch profitablen Billigflugpioniere und die Nummer zwei hinter Ryanair. Bis zum 17. Juni will easyJet in Schönefeld mit 13 Strecken und sechs fest stationierten Flugzeugen vertreten sein, was rund 450 Jobs in der strukturschwachen Region schaffen soll.

Den Anfang machen jetzt die Strecken nach London-Luton, der Heimatbasis von easyJet, die dreimal täglich bedient wird, sowie Liverpool. Bis Mitte Juni folgen schrittweise Newcastle, Paris-Orly und Kopenhagen (je zweimal täglich), Athen, Nizza sowie Basel und Palma (je zweimal täglich), schließlich Bristol, Barcelona, Budapest und Neapel. Tickets gibt es je nach Ziel zu Einstiegspreisen zwischen 25,49 und 39,49 Euro für die einfache Strecke inklusive Gebühren. Noch in diesem Jahr will easyJet eine Million Passagiere durch ihr eigenes kleines Terminal B mit elf Abfertigungsschaltern schleusen. Der Neuling macht sogar die große Lufthansa nervös, die sich selbst Anfang der neunziger Jahre nach kurzem Gastspiel wieder aus Schönefeld zurückzog. "Das werden wir euch nicht vergessen", drohte ein Kranich-Manager den Berlinern unlängst, "easyJet kostet uns eine Milliarde Euro in den nächsten Jahren." Schon vor dem Start der Engländer hielt die in Berlin traditionell schwach vertretene Lufthansa mit Dumping-Angeboten ab 49 Euro pro Strecke auf künftigen easyJet-Routen dagegen.

Die vom Reeder-Spross Stelios Haji-Ioannou gegründete englische Gesellschaft pflegt nicht den marktschreierischen Geschäftsstil ihres irischen Rivalen Ryanair, der in Schönefeld mit einem gerade reduzierten Flugplan von spärlichen zwei Flügen am Tag nach London-Stansted vertreten ist. EasyJet expandiert lieber behutsam und wohl kalkuliert. Die Auswahl des neuen Drehkreuzes etwa begann mit einer Zeitungsanzeige im Frühsommer 2003, auf die sich 87 Flughäfen bewarben. In mehreren Ausscheidungsrunden setzte sich schließlich Berlin gegen Konkurrenten wie Zürich und Basel durch. EasyJet landet überwiegend auf großen Flughäfen und nicht in der Provinz wie die Iren. "Wir arbeiten auch nicht gegen die Flughäfen wie Ryanair", sagt easyJet-Marketingmann Philippe Vignon. Den Iren wird nachgesagt, sie weigerten sich nicht nur, die üblichen Gebühren zu entrichten, sondern verlangten von ihnen sogar Kopfprämien für das Einfliegen von Passagieren. "Der Flughafen Altenburg-Nobitz in Sachsen zahlt Ryanair für jeden Fluggast 3,50 Euro", sagt HLX-Geschäftsführer Wolfgang Kurth. Schönefelds Chef Johannsen-Roth will mit derlei nichts zu tun haben: "Wir verdienen mit easyJet vom ersten Jahr an massiv Geld."

Die Engländer rüsten sich mit ihrem Berliner Standort für die Osterweiterung der EU. "Wir werden sicher in zwei Jahren Flüge nach Polen, Tschechien und Ungarn aufnehmen", sagt Vignon. Noch allerdings muss sich easyJet auf die Berliner Klientel beschränken, die mit ihrer geringen Wirtschaftskraft schon Lufthansa, Singapore Airlines, Air China und SriLankan von allen ehemals angebotenen Fernstrecken vergrault hat. "Berlin befindet sich hinsichtlich der Kauf- und Wirtschaftskraft auf dem Niveau von Bielefeld", konstatiert die örtliche Industrie- und Handelskammer. Da widerspricht auch Flughafenchef Dieter Johannsen-Roth nicht. Aber er erklärt die Not zur Tugend: "Das ist ein großer Vorteil für uns beim Werben um Reisende nach Berlin – schon heute sind die Billigflieger zu 70 Prozent mit ausländischen Besuchern etwa aus Norwegen und Italien gefüllt, das wird bei easyJet nicht anders", prophezeit er. Die preisgünstige Verkehrsanbindung kommt Shopping-Ausflüglern entgegen. Wo etwa in London allein das Zugticket in die Stadt oft ein Vielfaches des Flugpreises verschlingt, bringt die BVG Ankömmlinge aus Schönefeld für 2,10 Euro ins 18 Kilometer entfernte Stadtzentrum.