Wieder einmal hat ein berühmter Koch ein Buch geschrieben. Es ist wegen zwei Besonderheiten erwähnenswert. Einmal ist der Autor, Marc Veyrat, nach dem Urteil des französischen GaultMillau der Allerbeste in seinem Land und weltweit, denn sie haben ihm als erstem und einzigem Küchenchef überhaupt 20 Punkte verliehen. Die zweite Besonderheit ist die Art seiner Rezepte. Sie sind von einer atemberaubenden Schlichtheit, die in einer billigen Familienzeitschrift nicht verwundern würde, als Visitenkarte eines Kochkünstlers in einem Prachtband aber zumindest ungewöhnlich ist.

Vielleicht aber ist sie doch nicht ganz ungewöhnlich, denn vor einigen Monaten erst hat der deutsche Küchenchef Lothar Eiermann ebenfalls ein Kochbuch herausgebracht, das auf jegliche Indizien der Verfeinerung verzichtet und dafür mit einer vitalen Rustikalität auftrumpft, mit der unsere sensiblen Löffelschwinger gemeinhin nicht identifiziert werden möchten.

Wie jeder reisende Gourmet weiß, sind unsere Spitzenköche alle ganz wild darauf, als der originellste, kreativste Koch des Tages (des Monats, des Jahres, des Jahrhunderts) mit dem Katalanen Ferran Adrià in einem Atemzug genannt zu werden. Den meisten genügt allerdings ein Platz in der zweiten Liga, was das Problem ja nicht vereinfacht.

Dieses besteht darin, dass es in den Küchen zu viele Begabte gibt, die sich für Künstler halten und ihren Gästen entsprechende Artefakte vor die Nase setzen. Auf diese Weise gibt es einen Überschuss an eleganten und prätentiösen Menüs, denen keine nüchterne, bodenständige Küche gegenübersteht, welche gleichzeitig durchaus elegant sein darf. In der Ökonomie gilt Überproduktion als bedrohlich.

Kein Wunder, dass wieder einer der Trüffelschnitzer ausbricht aus der Kunstküche. Ich sehe darin eine Veränderung des Zeitgeschmacks, eine Absage an die kostbare und komplizierte Artistik auf den Goldrandtellern der Kreativbolzen, wider die forcierte Verfremdung von Speisen, deren Zutaten niemand herausschmecken kann, weil ihre Herkunft im Dunkel des Weltalls verborgen liegt.

Noch trägt die Kulinar-Artistik eine scheinbare Munterkeit zur Schau, wird bewundert und gefeiert. Aber die Wahrheit ist: Wir sind sie alle leid. Wir, die Gäste, haben uns an ihren Albernheiten satt gegessen, und die Küchenchefs langweilen sich nicht weniger, wenn sie zum tausendsten Mal hauchdünne Trüffelscheiben zwischen Artischockenböden und Krebsschwänze schieben. Lothar Eiermann und Marc Veyrat haben mit ihren Büchern eine Flaschenpost ins Meer der gehobenen Gastronomie geworfen und hoffen, sie möge von Gleichgesinnten gefunden und gelesen werden.

Was nun lesen wir, wenn wir das Buch des Franzosen aufschlagen? Zunächst sehen wir ein Bild des Autors. Es ist jener Selbstdarsteller, der ohne seinen schwarzen Schlapphut nicht das Bett verlässt. Marc Veyrat, der 20-Punkte-Gladiator besitzt ein Restaurant in der ungewöhnlich schönen Landschaft am Lac d’Annecy, wo er für ungewöhnliche Speisen ungewöhnlich hohe Preise verlangt. Das Typische bei seinen Menüs hat ihm unter Kollegen den nicht unbedingt schmeichelhaften Titel "Der Heilkräuterkoch" eingetragen. Denn Veyrat hat sich von Anfang an als Bauernbub stilisiert, der auf den Almwiesen herumkriecht und Kräuter für seine Suppen und Ragouts sammelt. Diese werden so wichtigtuerisch angerichtet, dass ich mir beim letzten Besuch vorgenommen habe, nie wieder bei Veyrat zu essen.

Nach der Lektüre seines Buches bin ich nicht mehr so sicher, mag er seine Kräuter auch weiterhin eigenhändig 1000 Meter über dem Meeresspiegel pflücken. (Einen anderen Geschmack als bei üblichen Gartenkräutern habe ich nie festgestellt.) Die in seinem neuen Buch Die französische Landküche gesammelten Rezepte sind Musterbeispiele von bodenständiger Küche, worunter er nichts anderes als Hausmannskost versteht.

Eine irritierende Vorstellung? Zweifellos, wenn man erwartet, die beschriebenen Rezepte in seinem eleganten Drei-Sterne-Restaurant auf der Karte zu finden. Doch das, was der schockierte Leser auf den Seiten dieses Buches findet, hat keine Chance, in der französischen Spitzengastronomie Fuß zu fassen; und der GaultMillau würde dafür niemals 20 Punkte lockermachen.