In den Weinlisten der Händler taucht plötzlich das Wort "Spargel" wieder auf. Von jedem zweiten Weißwein wird behauptet, er passe ideal zur Frühjahrsküche und insbesondere zum Spargel. Man bekommt den Eindruck, als würde in jedem Haushalt fast täglich Spargel gegessen. Vor allem aber wird suggeriert, ein zu Spargel passender Wein sei so etwas wie ein Sechser im Lotto.

Das Gegenteil ist der Fall. Zu Spargel passt fast alles, saure weiße Weine, halbtrockene Weiße, milde Rote und warum nicht auch ein edelsüßer Riesling? Spargel ist kein kapriziöses Gemüse, auf dessen elegantes Aroma sensibel eingegangen werden muss. Er hat auch kein sensibles Aroma. Man darf sich glücklich schätzen, wenn er überhaupt eines hat und nicht der Kunstdünger durchschmeckt.

Daher ist der passende Wein überhaupt kein Thema. Ich habe schon einen Volnay zum Spargel getrunken, also einen Pinot noir aus Burgund, und es gab kein Harmonieproblem. Spargel verhält sich in dieser Beziehung wie ein Brötchen: Kann man es mit Honig essen, aber auch mit Leberwurst. Das Gerede vom passenden Wein zum Spargel ist nur weltfremdes Geschwafel.

Überhaupt sollte man die übliche Fragestellung versuchsweise einmal umdrehen. Nicht: Welcher Wein passt zum Osso Buco?, sondern: Was sollte man kochen, wenn ein Barbera auf dem Tisch steht?

Schon einmal ist eine als ehern angesehene Regel außer Kraft gesetzt worden. Als nämlich einige Feinschmecker erkannten, dass Rotweine zum Käse selten so gut passen wie Weißweine. Man muss sich bloß von der Vorstellung frei machen, es sei der Weingenuss an geschmackliche Vorstellungen gebunden, die nur einigen eingeweihten Trinkern verständlich seien.

Dazu gehört auch der permanente Streit über die Kriterien des amerikanischen Weinkritikers Robert Parker. Wenn der seine belächelte Vorliebe für quasisüße, säurearme und alkoholreiche Rotweine propagiert – mein Gott, was ist schon dabei? Der Mann sagt’s, und die halbe Welt folgt ihm bei seinem Geschmack. Für die restliche Hälfte bleibt noch genug Wein übrig, der nicht süß, nicht säurearm und nicht alkoholreich ist. Darüber, dass sein Propagandafeldzug für einen bestimmten Weintyp ökonomische Auswirkungen hat, freuen sich viele Winzer, um deren bisher völlig uninteressante Weine die Kritiker sich nicht einmal gestritten haben.

Und wenn als Nebeneffekt die teuren Prestigeweine aus Bordeaux nicht mehr bei allen Weinfreunden als die einzigen Superweine gelten, so ist das ein erster Schritt zu einer vernünftigen Beurteilung des Produkts Wein. Denkmäler sind dazu da, eines Tages gestürzt zu werden. Auch im Weinbau.