Michael Ballhaus, 58, Kameramann, in Berlin geboren, arbeitete in den siebziger Jahren für Rainer Werner Fassbinder, unter anderem für die Filme "Deutschland im Herbst" und "Die Ehe der Maria Braun". 1982 ging er in die USA und stand für Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und Wolfgang Petersen hinter der Kamera. Zweimal war er für den Oscar nominiert. Er lehrt an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin und an der Filmhochschule Hamburg. Ballhaus ist verheiratet und hat drei Söhne. Er träumt davon, jederzeit mit nur einem Schritt einen seiner Lieblingsorte in der Welt erreichen zu können

Könnte ich von oben auf die Erde sehen, wäre es mir nicht möglich, meine insgesamt vier Wohnsitze auf der Welt mit einem Blick zu erfassen. Flöge ich allerdings auf den Planeten zu und hielte ich mich dabei westwärts, kämen schnell Europa und Amerika in mein Blickfeld. Immer näher und näher rase ich auf die Erdoberfläche zu, immer deutlicher treten ihre Konturen hervor – und plötzlich stoppe ich und weiß nicht recht, wohin: nach New York, Los Angeles, ins fränkische Hofheim oder nach Berlin? Vier Orte, vier Erinnerungs- und Erlebniswelten und – Berlin als Heimat.

Geboren in Berlin, aufgewachsen auf einem Schloss in Franken, 1982 zum Arbeiten nach New York und dann später Los Angeles: Immer haben wir uns dort ein Stück Wohnlichkeit gemietet oder gekauft, wo wir unsere Kraft investiert haben und unserer Arbeit auch den Moment des Sich-heimisch-Fühlens hinzufügen wollten. Das macht nicht jeder so. Doch ein Leben im Hotel ist nichts für mich, es sei denn, es geht so aufregend zu wie in Four Rooms. Da ich also an mindestens vier Orten dieser Welt gern bin, habe ich spätestens dann ein Problem, wenn mich ausgerechnet die Sehnsucht nach jenem Ort packt, an dem ich gerade nicht bin.

Und dann habe ich einen Traum. Das Zentrum meines Traums ist unsere Sechs-Zimmer-Wohnung in Berlin. Sie hat fünfzehn Türen, und drei von ihnen lassen mich in meine anderen Heimaten. Möchte ich zu unserem Sohn nach New York, nach Brooklyn, öffne ich die Tür meines Arbeitszimmers. Schlägt mir Berlin aufs Gemüt, stört mich das Wetter oder lädt Wolfgang Petersen zum Brunch nach Hollywood, ginge ich gern durch Tür Nummer zwei meines Wohnzimmers. Möchte ich allein sein, auf Himmel und Wolken starren, meine alten Obstbäume besuchen, ließe mich Tür drei mit einem Schritt auf den Park meiner Kindheit in Franken. Diesen Traum zu träumen ist wie eine Fahrt auf einem Riesenrad. Mit jeder Bewegung meiner Gondel sehe ich ein Stück mehr von jener Stadt, über die ich mich erhebe. Ich komme immer wieder am Ausgangspunkt an. Ich verliere ihn nie ganz aus den Augen, aber zwischendurch kann ich erblicken, was ich als Fußgänger nie sehen könnte.

Perspektiven zu verändern ist eine feine Sache. Mit der Kamera kann man das besonders gut, wie jeder Kinogänger weiß. Träume sind Veränderungen der Perspektiven. Von der weichen Maske bis hin zur Fratzenhaftigkeit, von der Erkenntnis des Tatsächlichen bis zur endgültigen Verzerrung der Realität. Man ist, wohin man nie kommt, man sieht, was einem immer verborgen bleibt, man schmeckt, wovon sonst nur die Fantasie kostet. Es ist schon ein surrealer Moment, wenn man von seinem Berliner Wohnzimmer im Grünen in den 16. Stock seines New Yorker Apartments mit Blick auf den East River tritt. Doch das ist noch nicht alles.

Die Schwellen der Türen verwandeln die Zeit. Bei meinem Übertritt möchte ich sehen, was aus mir wird, wenn die Jahre gewandert sind. Wenn ich 92 Jahre alt bin, wie meine Mutter war: Bin ich altersweise, lebensmüde, oder lebe ich mit meiner Frau und Martin Scorsese in einer WG? Meine Geburtsstadt Berlin soll die Stadt meiner letzten Abschnitte sein: Wirklich? Ist das ein guter Plan? Was verpasse ich, wenn ich nicht an mehreren Orten gleichzeitig bin? Oder wurde Los Angeles in der Zukunft von einem Erdbeben gefressen oder Berlin von einem mörderischen Terrorangriff? Ist Franken nicht mehr heile Welt und New York an einem geheimnisvollen Virus kollabiert? Ist Hollywood an sich selbst erstickt und der deutsche Film und die Studios in Babelsberg das Cine-Maß der Welt? Ich sehe von alledem heute noch nichts; ich träume nur von Schwellen, die man übertreten kann – und ins Chaos stürzt.

Ich liege auf der Wiese unseres Pfarrhofs. Ich nenne sie: meine Scholle. Sie ist Teil meiner kleinen Welt der Erkenntnis, die für mich spannend war in den Lebensjahren zwischen zehn und zwanzig. Ich sehe auf den Giebel meines Hauses, der 250 Jahre alt ist. Im Dorf kennt jeder jeden. Man grüßt mich wie einen alten Freund, der nie jemanden betrogen hat. Es ist das Reich der Mitte. Hier hat meine Seele Platz, wenn es ihr in Berlin, New York oder Studio City, L. A., zu eng wird. Der Traum der drei Türen, ihre Schwellen zu einer anderen Zeit, zu anderen Orten, ist ein Traum des Alters. Man möchte die Zentren seines Lebens zu jeder Zeit ganz dicht bei sich haben. Nichts soll einem mehr entrinnen dürfen. Man hat genug davon, dass man irgendwann dort war, wo man nicht sein wollte – oder sollte.

Jeder Gang durch eine der drei Türen ist der Wechsel von Welten. Von Berlin aus springe ich in unseren kalifornischen Pool. Von dort hüpfe ich, noch in Badehosen, zur Upper West, kleide mich in einen Smoking und schreite durch die Tür zum Brandenburger Tor. Eine Windböe entreißt mir die Ruhe, wirbelt mich über die Quadriga nach oben zu den Wolken und immer höher und setzt mich ab vor eine Tür, die wie aus Milchglas ist.