Die deutsche Politik wendet sich in stärkerem Ausmaß der Lage im Sudan zu. Staatsministerin Kerstin Müller besuchte diese Woche den Tschad, am Wochenende reist eine fünfköpfige Delegation des Bundestagsausschusses für Menschenrechte in den Sudan, wo die Abgeordneten vor allem die Situation im Kriegsgebiet von Darfur erkunden wollen. Vor ihrer Reise trafen sie in dieser Woche in Berlin mit unserer Autorin Lotte Leicht zu einer ausführlichen Informationssitzung über Darfur zusammen. Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatten erst vor kurzem in Darfur recherchiert. Dieser Beitrag stützt sich auf die Erkenntnisse dieser Mission. Ein detaillierter Darfur-Report von Human Rights Watch wird am Wochenende in Brüssel veröffentlicht.

Die internationale Staatengemeinschaft muss in den Bürgerkrieg im Westsudan endlich eingreifen. Deshalb sollte Deutschland jetzt in der Europäischen Union und im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Vorreiterrolle übernehmen und dafür sorgen, dass die Staatengemeinschaft die Regierung des Sudans drängt, ihren Pflichten nachzukommen: Sie muss das Blutvergießen in Darfur beenden und Hilfsorganisationen sowie internationalen Menschenrechtsbeobachtern endlich freien Zugang nach Darfur gewähren.

Darfur, diese an der Grenze zum Tschad gelegene Westprovinz, gehört zu den Regionen des Sudan, die seit jeher am stärksten abgeschottet sind. Der Zutritt ist nur einigen wenigen Hilfsorganisationen gestattet. Journalisten wird von den Behörden in Khartum die Einreise fast immer verweigert. Aber noch nie war der Zugang zu der Region so schwierig - und noch nie so wichtig - wie heute, seit die einheimischen afrikanischen Stämme, die in Darfur die Bevölkerungsmehrheit bilden, vor 15 Monaten unter der Flagge der Sudan Liberation Army/Movement (SLA/M) und der Justice and Equality Movement (JEM) zu den Waffen gegriffen haben. Sie protestierten damit vor allem gegen den fehlenden staatlichen Schutz für die schwarzafrikanischen Farmer, die immer wieder Opfer von Übergriffen arabischer Nomaden wurden, die ihrerseits - von Dürre und Versteppung getrieben - nach Süden wandern.

Sudanesische Regierungstruppen und die „Janjaweed“ genannten arabischen Milizen betreiben in Darfur eine Politik der verbrannten Erde. Sie operieren Hand in Hand und gehen mit wachsender Brutalität vor. „Sie kommen gemeinsam, sie töten gemeinsam, und sie gehen gemeinsam“, berichtete ein Farmer den Researchern von Human Rights Watch. Soldaten und Milizangehörige brannten ganze Dörfer nieder, sie haben mehrere hundert nicht-arabischstämmige Zivilisten entführt, vergewaltigt oder getötet und viele hunderttausend vertrieben. Die Milizen verfolgen die fliehenden Zivilisten bis in Sammellager und größere Städte. In den von diesen Milizen beherrschten Siedlungen kommt es nach vielen Berichten immer wieder zu Massenerschießungen, zu Vergewaltigungen und Plünderungen.

Ein Überlebender eines der zahlreichen Massaker, ein Farmer aus dem Dorf Deleij in der zentral gelegenen Region Wadi Saleh, berichtete uns von einem dieser Massaker, das er selbst kurz zuvor als einziger überlebt hatte. Gemeinsam mit 71 anderen unbewaffneten Afrikanern war er von Regierungssoldaten und Milizangehörigen verschleppt worden. „Sie brachten uns mit Armeefahrzeugen in ein Tal zwei Kilometer südlich von Deleij“, sagte er. „Dort mussten wir uns in einer Reihe aufstellen, uns hinknien und den Kopf senken. Dann schossen sie uns ins Genick. Ich habe überlebt, weil sie mich für tot hielten.“ Mit einer Schusswunde am Hals schlich er nach Einbruch der Dunkelheit davon und kroch stundenlang im Schutz der Nacht zurück in sein Dorf.

An dem selben Tag, dem 5. März, wurden weitere 65 Männer vom Stamm der Fur von einer ähnlichen Truppe aus Militär und Miliz in der Region Mugjir östlich von Deleij umgebracht. Darüber hinaus wurden neun Stammeshäuptlinge, die eine Woche zuvor verhaftet worden waren, in Gefängnissen in Mugjir und Garsila in der Nähe Deleijs erschossen. Ihr Tod wurde bekannt, nachdem Verwandte die Leichname zum Begräbnis abgeholt hatten.