Mit den Ländern, die jetzt dem vereinten Europa beitreten, verbinden mich zwei emotional bewegende Erlebnisse aus meiner jüngeren Biografie. Vor einigen Wochen wurde ich von einer politischen Organisation angesprochen. Ihren Namen verrate ich nicht. Ich möchte es mir mit dieser Organisation nicht gänzlich verderben, teilweise verderben genügt. Ich sollte Texte vorlesen. Es war quasi eine Lesung. Die Zuhörer waren Deutschlehrer aus verschiedenen Ländern des europäischen Ostens. Letten, Ungarn, Slowaken und so. Auf diesen von der europäischen Geschichte nicht verwöhnten Personenkreis sollte ich, so lautete der Auftrag, mit sprachlichen Mitteln eine stimmungsaufhellende Wirkung ausüben.

Unmittelbar nach der Lesung trat der Veranstalter an meinen Tisch, öffnete umständlich seine Geldbörse und zählte vor den interessierten Augen der osteuropäischen Lehrer mein Honorar auf den Tisch. Es waren exakt 255 Euro. Die einen Lehrer dachten vermutlich: "Dieser Mensch hat nichts weiter geleistet, als eine Stunde lang vorzulesen. Wenn ich die Summe, die er mit verlegenem Lächeln dafür einstreicht, in eine Beziehung zu meinem eigenen Stundenverdienst setze, packen mich Wut, Entsetzen und Empörung." Die anderen Lehrer aber dachten: "Mehr ist dieser Autor nicht wert? So etwas wird uns hier vorgesetzt? Benjamin von Stuckrad-Barre würde für 255 Euro nicht einmal die rechte Augenbraue heben. Siegfried Lenz verlangt im Internet für ein Stück Fußzehennagel 255 Euro." Ich aber dachte: "Wenn ich jetzt im europäischen Osten wäre, in den Pripjetsümpfen zum Beispiel, dann könnte ich langsam im Boden versinken, und das wäre mir recht."

Einige Tage danach rief mich ein Magazinredakteur an, den ich bei einer Pressereise in Litauen kennen gelernt hatte. Ob ich in ihrem Magazin Blattkritik machen könnte. Ich lehne das immer ab. Es bringt nichts. Die Menschen ändern ihr Verhalten nicht durch Vorträge, es geht nur mit Gewalt, aus sexuellen oder finanziellen Motiven oder indem man sie betrunken macht. Das Leben hat mich gelehrt, dass man, statt mit vielen Worten anderer Leute Artikel zu kritisieren, besser schweigend an der Havel dem Schilf beim Wachsen zusehen sollte. Aber diesmal sagte ich zu, vermutlich, weil mich sekundenlang die melancholische Schönheit Litauens durchweht hatte.

Nach der Kritik gingen die Redakteure bedrückt aus dem Konferenzzimmer hinaus, ich wandelte mitten unter ihnen. Plötzlich fasste mich eine Sekretärin beim Arm und sagte freundlich: "Wir hatten doch ein kleines Honorar versprochen." Dann drückte sie mir vor den Augen der von mir bis hart an die Grenze des Höflichen kritisierten Redakteure zwei 50-Euro-Scheine in die Hand. In den Augen der einen Redakteure las ich: "Er redet unsere Arbeit schlecht, und dafür bekommt das Schwein auch noch 100 Euro." In den Augen der anderen stand geschrieben: "Von einem armen Teufel, der es nötig hat, 100 Euro für eine Blattkritik zu verlangen, muss ich mir als Gehaltsgruppe A2 sowieso nichts sagen lassen." Dabei hatte ich gar nichts verlangt! Sie haben es mir aufgedrängt. So viel zu Europa. Europa braucht mehr Fingerspitzengefühl, speziell mir gegenüber.