Innerhalb von Sekunden fingen die Schindeln Feuer. Flammen schlugen durch das Dach. Die Bewohner ließen alles stehen und liegen – Webstühle, Fischernetze, Vorräte – und flohen aus ihren Behausungen, bevor über den Köpfen die Balken barsten. Die Feuersbrunst am Bodensee zerstörte 3370 vor Christus das Pfahlbaudorf von Arbon-Bleiche. Kurz darauf begrub eine Regenflut die verkokelten Reste.

Für die Schweizer Archäologen, die über fünf Jahrtausende später die Trümmer freilegten, ist die Katastrophe ein "Riesenglücksfall". Urs Leuzinger, Grabungsleiter von "Arbon-Bleiche 3", gerät ins Schwärmen: "Der Brand, die schnelle Überschwemmung, die meterdicke Sandschicht haben alles konserviert." Sogar grüne Mistelzweige und Fischschuppen sind erhalten.

Ad hoc taten sich nach der Entdeckung 1983 das Amt für Archäologie des Kantons Thurgau und das Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel zu einem mehrere Millionen Franken teuren Projekt zusammen. Tausend Quadratmeter des Dorfes gruben die Archäologen in den neunziger Jahren aus, registrierten minutiös jeden noch so winzigen Fund: hier ein Stück Bauholz, dort eine Tierrippe, Getreide, Schmuckperlen. Sechs Jahre dauerte die Auswertung. Der Bericht wird im kommenden Herbst publiziert – er bietet verblüffende Einblicke in das Leben am See.

Rindersteaks contra Schweinekeulen

Der Blick in die Gebeinekiste erlaubt Rückschlüsse auf die Speisenfolgen in der Holzbausiedlung. Die Analyse von 70000 Tierknochen und 48000 Fischresten zeigte, dass hier zwei unterschiedliche Gemeinschaften Tür an Tür lebten. Grillten die Bewohner auf der seefernen Seite im Norden mit Vorliebe Fleisch vom Rind, ergötzte sich der Süden des Dorfs an Schweinekeulen. "Ein Austausch in größerem Stil hat nicht stattgefunden", vermutet Jörg Schibler vom IPNA.

Im November und Dezember fuhren die Bewohner der südlichen Dorfhälfte in Einbäumen hinaus und fingen Bodenseefelchen – eine Delikatesse. Den flinken Fisch zu fangen muss für die Pfahlbaugourmets ein enormer Kraftakt gewesen sein. "Das war eine Gemeinschaftsleistung von mehreren Einbäumen aus", sagt Heide Hüster-Plogmann, die die Fischreste ausgewertet hat. Warum aber verteilten die Fischer ihren Fang nicht im ganzen Dorf? Den Bewohnern im Norden blieb der Genuss weitgehend verwehrt. Dort begnügte man sich mit Getier aus der Flachwasserzone, das mit Reusen, Netzen oder Angeln leicht zu fangen war.

Was aber steckt hinter dem kulinarischen Graben im Pfahlbaudorf? Ein gesellschaftlicher Zwist? Oder hatten die Leute im Norden nur keinen Zugang zu Booten, um auf dem See der zarten Felche nachzujagen?

Die Analyse von Getreideresten brachte Stefanie Jacomet, die mit Jörg Schibler die archäobiologischen Auswertungen leitete, auf die Spur von Emmer, einer primitiven Weizenart, die man in Siedlungen der früheren Pfyner Kultur (3900 bis 3600 vor Christus) kaum findet. "Der hohe Emmeranteil kommt aus dem Osten", ist sie überzeugt. Auch andere Indizien sprechen für florierende Ostimporte, etwa der hohe Anteil der Ölpflanze Lein und der schlagartig gewachsene Appetit auf Sauen. Denn in der Arboner Kultur schnellt der Schweineschnitzelkonsum in die Höhe. "Das riecht nach einem starken Einfluss", unterstreicht Schibler.