Vor ein paar Wochen entließ das Weiße Haus zwei Mitglieder des vom Präsidenten einberufenen Rats für Bioethik. Beide, der Theologe William May und die Biologin Elizabeth Blackburn, sind weithin hoch geschätzte Experten. Neu berufen wurden zwei relativ unbekannte konservative Politologen sowie ein Neurochirurg. Das war ein politischer Vorgang. Die Entlassenen hatten zuvor kundgetan, dass sie mit der Mehrheit des Rats in zentralen Streitfragen nicht übereinstimmten, vor allem nicht in der ethischen Bewertung von menschlichen embryonalen Stammzellen.

Zu diesen und anderen Problemen der Bioethik vertritt der Rat seit seiner Einberufung vor zwei Jahren mehrheitlich eine ausgeprägt konservative Auffassung. Jetzt sollten offenbar die wenigen verbliebenen Gegenstimmen zum Verstummen gebracht werden. Das rief den Protest von Bioethikern im ganzen Land hervor, auch meinen. Woraufhin der Bioethiker Leon Kass, der Vorsitzende des Rates, einen Artikel für die Washington Post schrieb: Nein, es habe keine Säuberungsaktion im Rat gegeben, und nein, er habe auch keine Ahnung, wie die neuen Ratsmitglieder zu den strittigen Themen stünden, "ihre persönlichen Ansichten" seien vielmehr "vollständig unbekannt".

Diese Behauptungen hielten nicht lange stand. Elizabeth Blackburn setzte die Medien sofort davon in Kenntnis, dass für sie das Ganze sehr wohl eine Säuberungsaktion und Kass unfähig sei, abweichende Meinungen zu ertragen. Die Presse – und zwar von rechts bis links – wies sodann sehr schnell nach, dass die Standpunkte der neu berufenen Ratsmitglieder mit denen von Leon Kass nahtlos übereinstimmen, und man warf ihm vor, dies gewusst und vertuscht zu haben.

Das alles ist nicht einfach irgendeine Streiterei. Immerhin geht es um die Glaubwürdigkeit des nationalen Bioethikrates der Vereinigten Staaten, der die amerikanische, ja die internationale Öffentlichkeit über ethische Probleme informieren und aufklären soll.

An dieser Stelle muss man sich allerdings etwas zurücklehnen, um das ganze Bild betrachten zu können.

Etwas über sieben Jahre ist es her, dass die Öffentlichkeit vom Klonschaf Dolly erfuhr. Kein anderes Ereignis der biomedizinischen Forschung hat in den vergangenen dreißig Jahren ein dermaßen großes öffentliches und politisches Interesse beiderseits des Atlantiks hervorgerufen. Begleitet wurde Dollys Geburt allerdings von Lug, Betrug und Panik, und fortan ging es mit dem Niveau der Debatte nur noch weiter bergab. Woran natürlich das arme Schaf keine Schuld trug. Vielmehr war es die beschämende Art, mit der Medien und Regierungen sowie wissenschaftliche und religiöse Gemeinden in der ganzen Welt auf seine Geburt reagierten.

Eine kleine Zeitung in Schottland hatte die Lawine losgetreten, indem sie das Embargo brach und die Geschichte von der Geburt eines geklonten Schafs ins Blatt hob: Anstatt auf einer Pressekonferenz in Anwesenheit der beteiligten Wissenschaftler vorgestellt zu werden, sickerte die Nachricht nun an einem Sonntag durch, begleitet von allen möglichen Falschinformationen, Übertreibungen und Gerüchten. Den Bürgern wurde weisgemacht, die Geburt dieses geklonten Schafs bedeute, dass demnächst menschliche Klone an ihre Türen klopfen würden, und das sei dann wohl der Anfang vom Ende. Das Klonen à la Dolly, so äußerten sich allerlei so genannte Experten, werde zur Ausbeutung der Arbeitskraft – oder auch direkt der Körper – einer neuen, geklonten Unterklasse führen; oder zur Ausbeutung unserer Nachkommen durch eine überlegene Klasse geklonter Genies; oder der Armen und der Mittelklasse durch eine winzige Hand voll glücklicher Reicher, die Dank des Klonens ewig leben könnten.

Spinner, Betrüger und Scharlatane tauchten plötzlich von überall her auf, als seien sie selbst geklont; sie kündigten an, Klonbabys in die Welt zu setzen, und keine Macht der Welt könne sie daran hindern. Nur Wochen, höchstens Monate noch sollte es dauern, bis jedermann – irre Diktatoren, eitle Plutokraten, Unholde aus der Vergangenheit: Suchen Sie sich ihren Albtraum aus! – geklont werden könne.