Das ist schon alles sehr verwirrend, der Endfünfziger kennt sich im Arbeitsamt nicht mehr aus. Wieso darf er nicht einfach hochgehen zum Vermittler? Stattdessen soll er telefonieren und einen Termin vereinbaren. Und es ist immer besetzt. Kein Wunder, da stehen ja noch mehr Leute an den Telefonsäulen im Foyer, alle mit dem Hörer in der Hand. Also am besten auflegen und warten, bis die anderen fertig sind. Wie das mit der telefonischen Warteschleife funktioniert, versteht der ehemalige Werftarbeiter nicht. Trotz der Plakate, die das erklären.

Alles neu, alles schön in der Bremerhavener Agentur für Arbeit. Sie ist eines von zehn Modellämtern bundesweit. Nur draußen vor der Tür steht noch das alte Schild "Arbeitsamt". Drinnen wurde die Behörde zum Kundenzentrum getrimmt. Ein Wandel, der die Mitarbeiter fordert und manchen Arbeitsuchenden erst mal überfordert. Der Exwerftarbeiter jedenfalls hätte sich lieber gleich vor die Tür des Vermittlers gesetzt, als nun telefonisch einen Termin zu machen. Doch mit dem Nummernziehen und Schlangestehen auf den Fluren ist Schluss. Das Ziel: die bleierne Stimmung des Wartens zu vertreiben, die Arbeitsuchende lähmt, anstatt sie zu aktivieren.

Premiere hatte das "Kundenzentrum der Zukunft" in Heilbronn. Bereits im Februar endete dort die Testphase, und prompt kam der Kanzler zu Besuch. Denn das neue Konzept gehört zu Gerhard Schröders Reformprogramm. Als Hartz III wurde es Gesetz und soll helfen, das Motto "Fordern und fördern" umzusetzen. Wer seinen Job verliert, erhält künftig meist nur noch zwölf Monate das Arbeitslosengeld, das sich am vorherigen Verdienst orientiert. Wenn er und seine Angehörigen bedürftig sind, bekommt er anschließend noch eine bescheidene Pauschale, das so genannte Arbeitslosengeld II. Er muss jede Stelle annehmen, selbst wenn er dafür überqualifiziert und der Job unterbezahlt ist. Und auch Angebote akzeptieren, die Hunderte von Kilometern entfernt sind. All das macht den Arbeitslosen Druck. Im Gegenzug sollen ihnen die Agenturen wirkungsvoller bei der Jobsuche helfen.

In Heilbronn mit seinen 6,1 Prozent Arbeitslosen funktioniert das neue Modell bestens. Doch was kann eine modern organisierte Agentur in Bremerhaven bewirken, in einer Stadt mit 19,1 Prozent Arbeitslosigkeit? Das ist die höchste Quote in den alten Ländern. "Wir sind der Osten des Westens", heißt es in Bremens vorgelagerter Hafenstadt.

Wenn 19000 Menschen einen Stempel wollen, liegt alles lahm

Ein 35 Meter hoher Turmdrehkran und ein kleines Backsteintor – mehr ist von der Rickmerswerft nicht übrig. Nur zwei der ehemals fünf Bremerhavener Schiffbauunternehmen haben überlebt – und die stecken jetzt auch in der Insolvenz. Doch auf dem alten Rickmerswerft-Gelände erhebt sich längst ein Neubau: das Arbeitsamt, das dort 19000 Menschen betreut. 42 Prozent davon sind über ein Jahr ohne Job, sie gelten schon deshalb als schwer vermittelbar. Und: "70 Prozent unserer Kunden sind Arbeiter", sagt Agentur-Chef Berndt Wozniak. "Das gibt es in keiner anderen Stadt."

Gleich dutzendfach, damit es auch jeder begreift, hängt jetzt am Eingang der Hinweis: "Bitte melden Sie sich am Empfang". Kleinere Anliegen werden dort prompt erledigt. Zum Beispiel gibt es da den Stempel für den Ausweis, mit dem man weniger im Schwimmbad zahlt. Bislang saßen die Leute auch deswegen beim Vermittler. "Wenn 19000 Menschen einen Stempel wollen, legt das jede Organisation lahm", sagt Berndt Wozniak. Jetzt sollen die Arbeitsvermittler Arbeit vermitteln und nicht Ausweise stempeln oder Anträge ausfüllen. Dafür sind nun andere da.

Wer heute eine Kündigung erhält, muss das sofort der Agentur melden. Er darf damit nicht warten, bis er arbeitslos ist, sonst verliert er den Anspruch auf Unterstützung. In Bremerhaven soll er sich deshalb aber nicht einen der letzten Arbeitstage frei nehmen, sondern das einfach telefonisch mitteilen. Von Zuhause oder schnell über die Telefonsäulen im Foyer. Am anderen Ende sitzt dann einer von 17 Mitarbeitern, die Arbeitslosmeldungen entgegen nehmen und alle Fragen beantworten.