Am Tag, an dem Ariel Scharons Partei über den Gaza-Abzug abstimmte, ermordete der Islamische Dschihad eine schwangere Siedlerin und ihre vier Töchter. Abscheu und Empörung waren gleich null. Niemand beantragte eine Verurteilung im UN-Sicherheitsrat. Niemand verdammte diese besonders perfide Bluttat auf den Leitartikelseiten der europäischen, geschweige denn der arabischen Presse, wie es zuhauf geschehen war, als die Israelis jüngst den Drahtzieher des Hamas-Terrors, Abd al-Asis Rantisi, umbrachten.

Gleichgültigkeit, doppelte Moral oder gar Zustimmung durch Schweigen?

Doch noch interessanter als die moralische ist die politische Frage. Wieder einmal haben die Palästinenser - oder jene, die sie zu vertreten vorgeben - den Wahnsinn zur Methode gemacht. So wie sie 1996 den Hardliner Netanjahu an die Macht gebombt, wie sie 2001 den Softliner Barak mit einer Terrorwelle aus dem Amt vertrieben hatten, sollte diese Gräueltat das Likud-Referendum vom Sonntag mit dem "richtigen", das ist: dem falschen Verdikt enden lassen.

Dabei wäre dieser Fünffach-Mord gar nicht nötig gewesen, hatte sich die Stimmung im Likud schon in den Tagen zuvor gegen Scharon gedreht. Nun dürfen alle Friedensfeinde glücklich sein: die Dschihadisten in Gaza, die 50 000 Likudniks (etwas mehr als ein Viertel der Mitgliedschaft), die gegen Scharons "Gaza zuerst"-Rückzug gestimmt haben.

Beide Seiten freuen sich freilich (hoffentlich) zu früh. Vereitelt wurde nicht ein Rückzugs-, sondern ein Zeitplan. Der sah so aus: Am 14. April holte sich Scharon das amerikanische Plazet in Washington ab. Am 2. Mai gedachte er sich das Ja seiner Partei zu besorgen. Anfang Juli wollte Scharon auf dem G8-Gipfel in den USA den größten Rückzug seit der Sinai-Räumung verkünden, in 18 Monaten den Abbau aller Gaza-Siedlungen vollzogen haben. Und jetzt?

Sicher ist nur zweierlei: Es wird erstens keine Neuwahlen geben, weil, zweitens, die Mehrheit des israelischen Wahlvolkes in der Frage des Gaza-Abzugs hinter Scharon steht. Wird der "Bulldozer" seinem Spitznamen weiter Ehre machen? Klüger wäre es, wenn Scharon aus der Niederlage lernen würde, dass demokratische Politik etwas komplizierter ist als ein militärischer Coup wie sein Vorstoß über den Sueskanal 1973. "Gaza zuerst" war eine kühne Idee, aber innenpolitisch so schlecht (genauer: überhaupt nicht) vorbereitet wie Ehud Baraks Camp-David-Offerte an die Palästinenser von 2000. Generäle sind offensichtlich ungeduldige Menschen, aber Scharon hat trotz des Neins seiner Partei die historische Chance, mit der Räumung Gazas einen Prozess wiederzubeleben, der seit zehn Jahren scheintot ist. Noch besser wäre es, wenn er's nicht einseitig, sondern zusammen mit einem palästinensischen Partner täte. Der aber müsste zukunftsfähiger agieren als der Mörder vom Sonntag.