Ich habe die Fabel Farm der Tiere kennen gelernt, als ich 14 Jahre alt war. Ich musste im Deutschunterricht einen kurzen Ausschnitt lesen. Ich war so fasziniert, dass ich das komplette Buch in aller Ruhe zu Hause gelesen habe.

Das kleine Buch schildert den Aufstand der Tiere gegen ihren Farmer. Die Tiere wollen künftig ein "tierwürdiges" Leben führen. Die revolutionäre Absicht der Tiere, die Farm künftig genossenschaftlich zu betreiben, misslingt jedoch. Die Schweine reißen die Macht an sich und beuten die Tiere in gleicher Weise aus, wie es zuvor der Mensch getan hat. Der machtbewusste Eber Napoleon verbreitet mit Hilfe mordgieriger Hunde Angst und Schrecken und erstickt so jeden Freiheitswillen der Tiere. Die basisdemokratischen Pläne pervertieren. Eine Oligarchie der Schweine entsteht, schließlich eine Diktatur. Auch die sieben Gebote der Revolution wandeln sich. Das siebte Gebot "Alle Tiere sind gleich" wird um den Halbsatz "aber einige Tiere sind gleicher als die anderen" erweitert.

Ich habe das Buch nicht nur seinerzeit mit Faszination gelesen, sondern es auch später immer wieder in die Hand genommen; es hat meiner politischen Aufklärung gedient, denn es ist ein Lehrstück über den Aufbau eines totalitären Regimes. George Orwell hat es vor dem Hintergrund der russischen Oktoberrevolution geschrieben. Der Zynismus dieses großen polemischen Autors findet seinen Höhepunkt am Ende des Buches, als die Tiere erkennen, dass sie Mensch und Schwein nicht mehr zu unterscheiden vermögen.

Orwell hat das Buch anschaulich, humorvoll und ironisch geschrieben – so wie er hätte ich schreiben mögen. Ich habe damals für die Schülerzeitung Der springende Punkt gearbeitet, habe aber eher lustige Artikel verfasst. Mein Berufswunsch war es, politische Redakteurin zu werden. Ich dachte, Jura sei eine sehr gute Grundlage für diesen Beruf. Doch bin ich dem Recht treu geblieben und Professorin, Justizsenatorin und schließlich Verfassungsrichterin geworden. Seit meiner Zeit als Justizsenatorin habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, morgens gegen sechs Uhr aufzustehen und eine Stunde schöngeistige Literatur zu lesen. Denn ich hatte einsehen müssen, dass das politische Geschäft mich so stark in Anspruch nimmt, dass meine kulturellen Bedürfnisse zu kurz kommen. Das Lesen hat mich in andere Welten entführt und so Abstand zum politischen Alltag gewinnen lassen, der mitunter so kleinkariert sein kann.

Uns Limbachs war es wichtig, die Liebe zur Literatur an unsere Kinder weiterzugeben. Mein Mann und ich haben unseren Kindern jeden Abend Kinder- und Jugendbücher vorgelesen, auch "Asterix und Obelix"-Hefte, die ich intellektuell amüsant finde.

Vorlesen bereitet mir Freude. Wäre ich nach meinem Abschied aus dem Bundesverfassungsgericht nicht beim Goethe-Institut eingekehrt, hätte Vorlesen für mich eine Perspektive sein können.

Hörbücher schätze ich ohnehin. Vor kurzem hat mir mein Sohn die CD mit den Lebenserinnerungen von Hillary Clinton geschenkt, auf Englisch und von ihr selbst gelesen. Auf meiner nächsten längeren Bahnfahrt werde ich ihr aufmerksam zuhören.