Noch leistet sich Deutschland Studenten, die so alt sind wie fast nirgendwo sonst auf der Welt: Im Jahr 2002 lag das Durchschnittsalter hiesiger Universitätsabsolventen bei 28,9 Jahren, wobei sie im Westen traditionell noch älter sind als im Osten. Und 28,9 ist schon ein Fortschritt, 1996 war der typische Absolvent mehr als 30 Jahre alt. Immerhin: Auch die Studienanfänger sind seit 1996 um ein halbes Jahr jünger geworden. Jetzt sind sie im Schnitt 21,6. In ein paar Jahren könnten 18-jährige Erstsemestler an Hochschulen zum Alltag gehören, genauso wie 21 oder 22 Jahre alte Absolventen. Ein Verjüngungseffekt deutet sich an, der in diesem Ausmaß sogar Bildungsexperten überrascht; ein Verjüngungseffekt, der auch noch einhergeht mit einem ungekannten Ehrgeiz der neuen Studenten. Am Ende könnten die 28Jährigen auf dem Campus die Exoten sein.

"Wir haben einen klaren gesellschaftlichen Trend", sagt der Hochschulforscher Tino Bargel von der Universität Konstanz. "Alle wollen jüngere Studenten." Und werden sie wohl auch bekommen, denn gleich eine Reihe von Stellschrauben wurden angezogen, um den Start ins Studium und letztlich ins Berufsleben vorzuverlegen: Die meisten Bundesländer werden bis 2010 die Regelschulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zurückgeführt haben.

Immer mehr Landesregierungen schieben zudem die Einschulung nach vorn. Spitzenreiter ist derzeit Berlin, wo die Schulpflicht künftig mit fünfeinhalb beginnt. Auch die Verkürzung von Wehr- und Zivildienst um insgesamt ein halbes Jahr seit der Wiedervereinigung beschleunigt den Start ins Studium. Dazu kommt die laut Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover seit kurzem wieder deutlich nachlassende Neigung von Abiturienten, vor dem Studium eine Lehre zu absolvieren.

All das wird künftigen Erstsemestlern einen Vorsprung von bis zu zwei Jahren im Vergleich zu früheren Studentengenerationen bescheren – ein enormer Sprung. Doch nicht nur das Alter der Einsteiger geht zurück, auch die Studiendauer und die gerade in den Geisteswissenschaften enorm hohe Abbrecherquote dürften abnehmen, und das nicht nur wegen der in einigen Bundesländern eingeführten Gebühren für Langzeitstudierende.

Viel grundlegender wird sich die europaweite Harmonisierung der Abschlüsse auswirken: Bis 2010 will Deutschland alle Studiengänge auf Bachelor und Master umstellen. Die sind deutlich strukturierter und ermöglichen eine verbesserte Leistungskontrolle. Bachelor-Studenten müssen an der Universität Erfurt zum Beispiel jedes Semester ihre Kurswahl von einem Professor, ihrem Mentor, abzeichnen lassen, und sollten sie doch einmal hinterm Zeitplan zurückbleiben, werden sie garantiert kommen, die bohrenden Fragen, was denn los sei mit ihnen.

In Erfurt ist durch die neue Studienstruktur schon heute sichtbar, was bislang nur einigen Bildungswissenschaftlern bewusst war: Das sinkende Alter der Studenten, verbunden mit den neuen, gestuften Studienabschlüssen, wird die in Jahrzehnten gewachsene Studentenkultur der Bundesrepublik mit ihrem Hang zur Gemächlichkeit nachhaltig verändern.

Bislang sei das Ende des Studiums oft nicht mehr als ein weit entferntes Ereignis gewesen, das wenig mit dem täglichen Leben zu tun hatte, sagt Klaus Schnitzer vom HIS. Wenn es nun realistisch werde, mit 22 oder 23 die Universität zu verlassen, dann schaffe das einen enormen Anreiz, effizient zu studieren. "Das Studium wird in Zukunft eine Art Zwischenstopp werden auf dem Weg zum Erwachsenwerden", folgert Schnitzer. "Immer weniger Studenten werden versuchen, daraus eine eigene, zehnjährige Lebensphase zu machen." Junge Menschen um die 20 seien noch eher zum Verzicht bereit, brauchten nicht unbedingt eine eigene Wohnung, den teuren Urlaub oder ein Auto – alles Dinge, die jenseits der 25 eine immer größere Rolle spielen, die Studenten immer mehr jobben lassen und damit ihr Studium automatisch in die Länge ziehen. "In Zukunft werden die Leute schon arbeiten, bis sie dieses Stadium erreichen. Damit haben wir eine Menge Probleme weniger."

Die durchstrukturierten neuen Studiengänge passen exakt zu dieser veränderten Lebenseinstellung jüngerer Studenten – im Gegensatz zu dem in den Geisteswissenschaften immer noch vorherrschenden Humboldtschen Leitbild eines selbstbestimmten Studentenlebens. "Es gibt 18Jährige, die können sehr selbstgesteuert lernen", sagt der deutsche Bildungsforscher Kai S. Cortina, der an der Universität von Michigan (USA) lehrt. "Doch im Schnitt werden weniger Studenten mit dem liberalen Studium zurechtkommen." Die meisten wollen stattdessen, dass ihnen jemand sagt, wo es langgeht; erst recht, falls das Studium in Zukunft Geld kosten sollte. Sie erwarten persönliche Betreuung und genaue Kriterien, an die sie sich halten können – so, wie sie es aus der Schule gewohnt sind. Eine ungewohnte Aufgabe für Professoren, die bislang oft nur wenige ihrer Studenten persönlich kannten und selten Rechenschaft ablegen mussten über die Kriterien ihrer Benotung. Doch die neuen Studiengänge mit ihren Mentorenmodellen und Credits statt Scheinen lassen ihnen ohnehin keine Wahl.