Wir fangen oben links an. Es ist dunkel, ein Märzmorgen um halb sieben. Schüler laufen am Straßenrand entlang, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, die verschlafenen Gesichter nass vom Regen. Schweigend stellen sie sich unter an dem einsamen Wartehäuschen. Nur wenige Meter entfernt verläuft die Grenze zu Dänemark. Wir stehen an der nördlichsten Bushaltestelle Deutschlands – in Norddeich Zollhäuser. Der Wind schlägt dicke Tropfen auf das Holz der Rückwand. Dann ist es so weit. Ein Motorengeräusch naht.

1300 Kilometer liegen vor uns, 1300 Kilometer, die wir nur mit Linienbussen zurücklegen wollen – von Dorf zu Dorf, von ganz Nord bis ganz Süd, von Norddeich Zollhäuser nach Mittenwald an der österreichischen Grenze. Die Idee entstand auf der Autobahn, beim Lesen der vorbeischießenden Ausfahrtsschilder. Stuckenborstel, Visselhövede, Schwarmstedt: Es sind Namen, die man höchstens aus Verkehrsmeldungen kennt, Wegweiser in eine kleinteilige Welt, die Provinz heißt. Hier wohnt man oder hat Verwandte, enge Freunde. Sonst fährt man vorbei. Sechs Tage werden wir jetzt unterwegs sein. Unseren Fahrplan haben wir in einer Mappe dabei – 40 ausgedruckte Seiten, das Ergebnis von zwei Wochen Karten lesen, Abfahrtszeiten vergleichen, Busnummern notieren. 43-mal werden wir umsteigen, 330-mal anhalten, 29 Stunden auf Busbahnhöfen verbringen. Reine Fahrzeit: 38 Stunden und 11 Minuten.

Kurz vor Niebüll geht über den reetgedeckten Bauernhäusern die Sonne auf. Wir sind bei Minute 27. Um uns herum im Bus die Schüler in ihren eingespielten Sitzordnungen: die coolen Jungs hinten auf der Rückbank, die ruhigen ganz vorn. Cliquen sitzen zusammen, einige recken ihre Köpfe nach hinten über die Sitzlehnen, um sich zu unterhalten.

Sobald die Schüler weg sind, gehört der Bus den Alten. Morgens um acht fahren sie zum Arzt, zur Bank, vielleicht zu irgendeinem Amt, die meisten allein. Sie sitzen fast immer auf der rechten Seite, um zu sehen, wer an den Haltestellen wartet, wer ein- und wer aussteigt. Dann kommen die Einkäufer und Bummler oder die, deren kranke Tante im Nachbardorf wohnt. Wir beobachten die Fahrgäste: die Männer, die sich zum Gang hin setzen und angespannt nach vorn auf die Straße schauen; die Frauen, die ihre Handtasche auf dem Schoß festhalten, als wolle sie ihnen jemand wegnehmen; die Frühaufsteher, die Angst haben, ihre Haltestelle zu verpassen; die Hände-im-Schoß-Falter, Döser, Arme-Verschränker, Walkman-Hörer. Die Scheiben sind beschlagen. Ein feiner Dunstschleier holt wieder hervor, was Kinderfinger Stunden zuvor aufs Glas gemalt haben: Knollnasengesichter, lachende Sonnen, "Thomas liebt Nadine". Der Bus summt in hohem Ton vor sich hin. Draußen reißt der verhangene Himmel auf, Sonnenlicht gleißt auf der Ostsee. Eckernförde.

Mittags dann, auf dem Weg nach Kiel, sitzt nur noch einer mit uns im Bus, gleich rechts neben der Fahrerkabine: ein alter Mann mit einem gestickten Wappen auf dem Pulloverärmel. Er hält den wenigen Einsteigenden die Kunststoffklappen auf, die verhindern, dass man vorne aussteigt. Das ist verboten. Es ist auch verboten, den Fahrer während der Fahrt anzusprechen – so verboten wie Eiscreme und Pommes und Rauchen. Der Mann unterhält sich trotzdem. Er hat ein leicht gerötetes Gesicht, und er kennt sich aus. Er kennt die Haltestellen, die man im Dunkeln übersieht, und er kennt die Fahrgäste mit ihren Handys. Er sagt: "Ich bin jetzt seit neun Jahren in Rente." Früher ist er diese Strecke gefahren: von Schleswig nach Kiel, 61 Kilometer hin, 61 Kilometer zurück – ein winziger Abschnitt im bundesdeutschen Busnetz.

Rund 85500 Busse fahren durch Deutschland: Standard-Linienbusse, Überlandbusse, Gelenkbusse, Eineinhalbdecker, O-Busse. Aneinander gereiht ergäben sie einen gigantischen Stau von Hamburg bis München. Über eine Strecke von rund 892200 Kilometern verbinden sie Dörfer, Kleinstädte, Großstädte, ein Netz, so lang wie 22 Erdumrundungen. Oder wie einmal zum Mond und wieder zurück und wieder hin. Verlieren wir unsere Mappe mit den Abfahrtszeiten und Busnummern, sind wir verloren – verloren in einem Labyrinth, das nicht nur voller Sackgassen und Schleifen ist, sondern in dem sich gewisse Wege auch nur zu bestimmten Zeiten öffnen. Es gibt mehr als 30 regionale Verkehrsverbünde. KVG, HVV, OVO, BVO. Wo sie aneinander grenzen, weiß keiner mehr Bescheid, wann man Anschluss hat, was ein Ticket kostet und wo man umsteigen muss.

Gleich am ersten Tag passiert es: In Hamburg-Waltershof rauscht der Bus nach Lüneburg an der Haltestelle vorbei. Hell erleuchtet biegt er vor unseren Augen auf den Zubringer zur Schnellstraße. Es war der letzte an diesem Abend. Wir stehen ratlos in der Dämmerung. Eine Kreuzung, vier Spuren in jede Richtung, in der Ferne das Licht der Hafenanlagen. Übernachten wir in Hamburg, müssen wir alle weiteren Verbindungen neu aufeinander abstimmen. Einen Tag wird uns das kosten, vielleicht sogar zwei oder drei. Wir nehmen den 250er nach Harburg. Vielleicht gibt es ja noch eine andere Verbindung heute Abend. Über Uelzen. Hastig klappern wir die Busstände am Bahnhof Harburg ab. Nichts. Was tun? Wir zögern.

Als wir zwei Stunden später im Regionalexpress sitzen, beschleicht uns ein Gefühl der Niederlage – obwohl wir alles versucht und die Auskunftsdame am S-Bahn-Schalter in Harburg bis weit über die Dienstzeit hinaus gelöchert haben. Am Ende ruft sie ihre Mutter an, die täglich nach Uelzen pendelt. Auch nichts. Es tut ihr aufrichtig leid. "Macht ihr das freiwillig?", fragt sie zum Schluss. Wir nicken. Sie lächelt ungläubig. "Is nich wahr."

 

Es gibt auch kaum einen Busfahrer, der nicht zumindest die Stirn kraus zieht, wenn wir von unserem Vorhaben erzählen. "Mit Bussen durch ganz Deutschland? Des geht? Und bis wohin fahrt ihr heute?" Diese Frage hören wir immer wieder. Im Norden antworten wir: Lüneburg, im Osten: Halle, im Süden: Hof, Riedenburg oder Landsberg am Lech – Städte, die auf dem Weg liegen, zwischen dem letzten Bus von heute und dem ersten von Morgen. Es sind unsere Stationen, doch ihre Namen bleiben ohne Klang. Erst wo die Vorwahlen sechsstellig werden, beginnen die Ortsnamen etwas zu erzählen.

Munkwolstrup, Sankelmark, Klixbüll, Sörup und Tarp: Hier stehen die Büsche und Bäume schräg im Wind, die Kirchtürme sind so spitz wie nirgendwo sonst, und die Häuser ducken sich wie scheue Tiere in die Landschaft. Dann, gen Osten, enden die Dörfer auf -stedt, -rode und -leben. Aschersleben, Wansleben, Eisleben, Andersleben. Die Gehwege sind unbefestigt, die Straßen heißen Straße der Einheit, Straße der Technik und Straße der Jugend. Über Land schaukelt der Bus durch Alleen. Morgens, auf dem Weg von Querfurt nach Eisenberg, funkeln die roten Warnlichter der Windkrafträder im tiefblauen Himmel. Die Felder werden weit, Flurbereinigung im LPG-Format. Dazwischen ragen, wie riesige Maulwurfshügel, die Abraumhalden hervor. Dann wird es hügeliger. Die Orte heißen Hirschberg, Göttengrün, Gefell, Wustuben, Fletschenreuth und Stulln. Die Fassaden sind mit bunten Pastellfarben gestrichen, am Ortseingang grüßen rustikale "Willkommen in"-Schilder, Blumenkästen hängen an den Fensterbänken, und in jedem Ort steht eine Barockkapelle mit Zwiebeltürmchen: Bayern.

Doch auch blind könnten wir uns ohne weiteres zurechtfinden. Mit den Busfahrern wechseln die Dialekte. "Moin, Moin!", "Gudn Tach!", "Grüß Gott!"… Es gibt die Ausgelassenen, die das Radio lauter machen, wenn ihnen ein Lied gefällt, und die Dienstleister, die nur die Nachrichten aufdrehen. Manche fahren schon seit Jahren dieselbe Strecke. Andere waren auch mal im Fernverkehr unterwegs. Es gibt Busfahrer, die uns ungefragt mit dem neuesten Dorfklatsch versorgen und die Zeitungsausträgerin in Huglfing für eine halbe Station mitnehmen. Es gibt die Förmlichen in Dunkelblau und die Gemütlichen in Sweatshirt und ausgeleierten Jeans. Und es gibt die Reiseführer, die uns die Geschichte der Plattenbausiedlungen bei Halle erzählen.

Im Rückspiegel sieht man ihre Gesichter, stoische Konzentration. Ab und zu ein abschweifender Blick, doch ist es nicht der Blick des Reisenden, der mit zielloser Neugier über die vorüberziehende Landschaft gleitet, es ist der Blick des Routiniers, der das alles schon unzählige Male gesehen hat. Manche haben sich ihren Bus nach ihrem Geschmack eingerichtet: ein grob geblümter Läufer im Eingang, ein Papagei aus Plexiglas an der Scheibe, ein Puppenbollerwagen mit Stroh und Babypuppe auf dem Armaturenbrett. Wir steigen aus, an Busbahnhöfen. Wir stehen auf gefegten Betonsteigen, an Wartehäuschen mit aufgeklebten Vogelsilhouetten auf verschmiertem Glas. In Eisleben wartet neben uns eine Gruppe Rentner in auberginefarbenen Blousons. Auf der anderen Straßenseite wirbt Der Goldene Stern mit Wiener Schnitzel für drei fünfzig. Es zieht.

Bahnhofshallen und Anzeigetafeln dagegen – da weht einen etwas an! Paul Theroux hat den Great Railway Bazaar geschrieben, über Busse liest man höchstens in den Nachrichten vom letzten Unglück. Züge rattern über schwindelerregende Schweizer Brückenkonstruktionen, um dann malerisch in einem Bergtunnel zu verschwinden. Busse fahren nach Schrobenhausen. Wer Zug fährt, träumt von Orientexpress und Transsibirischer Eisenbahn. Nahverkehrsbusse nimmt man, weil man nicht mit dem Auto fahren will oder weil es regnet. Nahverkehrsbusse müssen eben manchmal sein. Man steigt ein und fährt nicht wirklich weg. Man bleibt im Alltag. Mit Nahverkehrsbussen von Norddeich bis Mittenwald zu fahren ist nicht vorgesehen. Wagen hält. Wir bleiben sitzen. In den Außenspiegeln pfeift der Wind.

Kurz vor Landsberg am Lech sind wir bei Minute 2031. Der Himmel ist stumpf wie ein beschlagener Badezimmerspiegel. Der Busfahrer von Schrobenhausen nach Aichach wundert sich, das wir das Sisi-Schloss nicht kennen, das hier in der Nähe liegt. "Da ham die Großkopferten g’lebt auf Kosten von die einfachen Leut." Draußen tritt die Donau über die Ufer, weil es schon so lange regnet.

 

Wir sind müde, wie in Trance. Den Kopf an die vibrierende Scheibe gelehnt, holen wir viertelstundenweise Schlaf nach. Beim Aufwachen ist der Ellenbogen nass vom dreckigen Kondenswasser, das an den Scheiben herunterläuft. Und doch: Wir könnten ewig so weiterschaukeln. 14 Stunden Busfahrt am Tag, auf wild gemusterten Sitzpolstern, die aussehen, als hätte ein hyperaktives Kind den Schnittmusterbogen seiner Mutter mit Buntstiften ausgemalt. Unser Ziel ist längst nicht mehr wichtig. Wir sind da, wo wir sein wollen: im Bus, auf Nebenstrecken mit Kopfsteinpflaster und Bitumenflicken, auf jenen kleinen Straßen, von denen wir uns so häufig gefragt haben, wo sie wohl hinführen. Wir sind da: an Imbissbuden, wo es säuerlichen Kaffee gibt und schon frühmorgens Würstchen, vorgebraten, um sie später in heißem Fett kurz aufzuwärmen. Die Druckluftbremse ächzt, bevor es in die Kurve geht, die Kunststoff-Verkleidung knarzt im Rhythmus des niedertourigen Dieselmotors, und vorn quietschen die Scheibenwischer, während sie ein Herz auf die Windschutzscheibe malen, dessen Spitze irgendwo zwischen den Rädern auf der Straße steht.

Kurz vor dem Ziel, am nächsten Tag in der Bahnhofskneipe in Garmisch-Partenkirchen, breiten wir die Tickets auf dem Tisch aus. Deutschland in Schnipseln. Wir sammeln unser letztes Geld zusammen für eine Brotzeit. Wir sammeln uns. Dann steigen wir in den letzten Bus. Draußen stehen Berge herum, die Gipfel in den Wolken, und unten im Tal liegt Mittenwald Bahnhof, die südlichste Bushaltestelle Deutschlands. Wir drücken die Stopptaste, zum ersten Mal. Dann ist es so weit: Wagen hält.