Ein infraroter Mückengrill tötet knatternd ab, was immer in der freien Luft zu fliegen wagt. Am Boden herrscht König Philipp, überall, auch in der Sommerresidenz Aranjuez, wo die Natur zu gleißenden Wandvorhängen in Altmessing-Lamé erstarrt ist und in der Freizeit-Lounge 15 weiße Clubledersessel auf ein Fernsehgerät ausgerichtet stehen: Dort drinnen branden wilde Meereswellen. "Die schönen Tage in Aranjuez", bemerkt eingangs ein Herr im Klerikeranzug, sie seien "nun zu Ende", und der, dem dieser Hinweis gilt, bewirft ihn aus dem Off mit Brotkügelchen. Es ist Prinz Carlos, der Thronfolger, der offenbar nicht gern folgt.

Wie auch? Der Alte führt seinen Mischkonzern aus Ländereien, Völkern und Ressourcen (den größten der Welt) nach beinhart diktatorischen Methoden: Verbannung, Scheiterhaufen, Niederschießen, ex und hopp, wo längst neue Ideen an die Tore drängen – nenn’s Mitbestimmung, Selbstbestimmung, nenn’s Gedankenfreiheit. Von all dem nichts in Philipps uferlosem Reich. Dass es nicht schrankenlos wird, davor bewahren ihn die Strukturen seines Machtsystems. Jeder ist umstellt, alles durchsetzt. Was bliebe da für Carlos noch zu tun? Sogar die Verlobte heiratete der Vater: "Ich liebe meine Mutter!", plärrt nun der verprellte Junior. Dem Sohn, der so trefflich Infant genannt wird, bleiben die Einsamkeit ("Ich brauche Liebe!") und untätiges Warten: "Ich bin erwacht, ich fühle mich" – das ist eine Drohung.

Doch dann, zu Hause, Madrids Konzernzentrale und Wohnstatt zugleich, niederschmetternd in ihrer Zwecknüchternheit. Unter Neonkästen verglaste Bürokuben in mattweißen Schleiflackrahmen, die sich auf der Drehbühne verschachteln, Laufgänge freigeben und – da kehrt die Hinterseite sich nach vorn – neue Gelasse, Waben und Verliese zeigen im offenbar vielräumigen Schaltzentrum der Macht: eine Aktenschrankregistratur (wo Philipp nachts im Hängeordner die "Großen seines Reiches" überprüft), ein mit Palmblattgrün zum Wintergarten voll gestopfter Kubus (das Liebesgemach der Prinzessin Eboli, gesichert von vier gelegentlich wuffenden Doggen), ein Konferenz- und Ess-tisch von abstoßender Länge, um sich Freund wie Feind vom Leib zu halten. Doch stets sind hinter den gläsernen Scheiben schattenhaft Zugucker und Lauscher zu sehen. Einmal, nach Ankündigung eines Autodafés, kreisen glosend die Glaskuben, und ein am Rücken noch kokelnder Pferdekadaver treibt vorüber; ein andermal, nachdem einiges Volk revoltebrabbelnd durch die Korridore gestolpert war, kreisen auf der Bühne graue Menschenleichen vorbei.

Hier wird hart gehandelt, rasch und effizient. Doch machen die Aufsichtsräte samt ihrem Big Boss verfluchte Fehler. Und manchmal ahnen sie es selbst, sofern sie nicht machtblind wie dieser Kriegsminister Alba oder amoralisch skrupellos wie Beichtvater Domingo sind. Gewiss fragt sich auch Philipp im Kreise solcher Kreaturen, ob sein Riesenreich nicht neue Managementstrukturen brauche, doch wenn er seinen Sohn betrachtet, wie der weinerlich und schluffig in den Ecken abhängt – ist das die neue Führungsgeneration? Der König, samt Entourage in weißen Bademänteln, vermutlich aus der Sauna kommend, wird von Gefühlsausbrüchen seines Sohnes umflennt, tupft ihm die Stirn mit seinem Taschentuch: "Solche Kranke wie du, mein Sohn, verlangen gute Pflege" (Philipp Hauß ist ein fiebernder Schlunz, dessen pathetisch geschleuderte Hände ihm resignativ verflattern). Da ist dieser Marquis Posa (Denis Petkovic), des Sohnes Freund, schon interessanter. Ein Brausekopf auch er; doch seine lässig hinter einer runden Sonnenbrille zur Schau geführte Arroganz; das Jackett, am Finger über die Schulter geworfen; der sanfte Fluss der Rede, wozu er sich rittlings über einen Stuhl hockt, also, dieser Yuppie hat entschieden was! Philipp, am Kopf des Konferenztisches, schält eine Orange, zerschneidet sie in Stücke, so muss er den dreisten Ideenstenz nicht ansehn, nur die Kiefer malen bisweilen verräterisch. Doch als der nun vorschlägt, statt weiterer Metzeleien unter aufständischen Völkern einfach mal "Gedankenfreiheit" einzuräumen, da reißt es Philipp vom Stuhl, er boxt dem Schöngeist dribbelnd ein paar Tänzelfäuste an die Schulter, amüsiert von so viel Feuer und Naivität. Na ja, Gedankenfreiheit, hübscher Einfall, wenn auch grotesk.

In hoch geschlossener, grau glänzender Mao-Jacke steht der König (Sven-Eric Bechtolf, mit knarzendem Welt-Ekel-Bass) vor dem Jüngling, wird er sich später in dessen Schoß krümmen, hat ihm doch sein Beichtvater angedeutet, sein kleines Mädchen stamme nicht von seinen Lenden. Im leeren Kinderzimmer radelt die Kleine auf einem Dreirad, und eine Robot-Puppe krabbelt quäkend übern Bodenteppich; Philipp, außer sich, stopft das Kind in den Blechschrank, er rangelt mit seiner Frau, die ihr Kind wieder rausreißt, und beide zerren sie am Leib der Infantin. Dann wird Marquis Posa gemeldet, liefert dem König Briefe von Carlos aus – was durchs Fensterglas Graf Lerma fotografisch festhält: Er wird das Digitalbild gleich dem Prinzen zeigen als Beweis für Verräterei…

So wird das immer heillosere Durcheinander aus Intrigen, Misstrauen, Machtspielen und Missverständnissen in eine tödliche Kurve geschraubt: Briefe verfehlen ihre Ziele, Spione raten falsch, Umsturzpläne fliegen hoch ins Nebulose, und dabei kämpfen doch alle nur um Freundschaft, Liebe, etwas Glück. Aber weil es bei keinem klappte, haben sie resigniert und die Gluten unter Asche begraben. Nun weht manchmal ein Windstoß durch die Glaskubuswelt, Leidenschaften flackern – aber schon bricht man wieder in sich zusammen und schält Orangen. Nur die Königin gefällt sich darin, Austern zu schlürfen mit vorgerecktem Kinn: Französin, die sie ist. Johanna Wokalek ist wie eine Seidenraupe, eine Mamba, eingenäht in schwarzen Taft und schwarze Handschuhe, ihre Schlängeleleganz ist böse provokant inmitten des spanischen Abtötungszeremoniells. Tiefschwarz in Anzug, Handschuhen, Hut dann auch der Inquisitor-Kardinal, den Elisabeth Orth starr und schneidend, nur in den Fingerspitzen vibrierend, spielt und spricht. Er räumt auf. Er serviert ab.

Dieser glasklare Don Carlos- Albtraum ist eine Gemeinschaftsarbeit des fantastischen Bühnenbildners Martin Zehetgruber, der Kostümbildnerin Françoise Clavel, des Lichtgestalters Alexander Koppelmann und der – wieder einmal – wunderbaren Regisseurin Andrea Breth. Dreieinhalb Stunden Theaterkunst, Gefühlsverwirrung, Denkvergnügen.