Nehmen wir an, Sie wollen nach Amerika, und Sie haben Pech. Ihr Flug verspätet sich, weil der Name eines Passagiers dem eines Terroristen ähnelt. Sie werden bei der Ankunft ohne den Beistand eines Anwalts stundenlang verhört. Sie verbringen die Nacht in Handschellen unter Drogenschmugglern. Sie werden in das nächste Flugzeug zurück nach Deutschland gesetzt, weil Ihnen ein Dokument fehlt, von dem Ihnen niemand gesagt hatte, dass Sie es brauchen. Sie bekommen trotz etlicher Bittgänge zum Konsulat kein Visum mehr, und niemand sagt Ihnen, warum.

Solche Zwischenfälle sind selten – wie selten, geben die US-Behörden nicht preis –, aber sie geschehen, sie können jeden treffen, und es gibt keine Art, sich vor ihnen zu schützen. Manchmal spricht sich ein besonders bizarrer Fall herum. Manchmal empört sich einer der Journalisten, die wegen der Visumpflicht verhältnismäßig oft zu den Leidtragenden zählen. Aber mangels offizieller Stellungnahmen versinken diese Erlebnisse rasch im Reich der Urlaubsanekdoten. Dabei nehmen die Behörden sie durchaus zur Kenntnis. In der vorletzten Woche erst blockierte das Europäische Parlament den Entschluss der EU-Kommission, Passagierdaten en gros an das amerikanische Heimatschutzministerium weiterzugeben. Nächsten Monat wird Otto Schily am Rande des G8-Gipfels in Georgia die Einreisebedingungen für Deutsche erörtern.

Aber in einer Zeit des eskalierenden Terrors herrscht offenbar die Übereinkunft, über den Preis der Sicherheit möglichst wenig zu reden. So merken nur die Betroffenen, dass die USA seit dem 11. September ihre ohnedies strikten Einreisebestimmungen stetig weiter verschärfen. Seit Anfang des Jahres werden Visa nur mehr nach einem persönlichen Gespräch mit einem Konsularbeamten in Berlin oder Frankfurt ausgestellt. Bei der Einreisekontrolle machen die Beamten Fotografien von allen Visumpflichtigen (dazu zählt jeder, der in den USA forschen, studieren, einer bezahlten Arbeit nachgehen oder länger als 90 Tage bleiben will) und nehmen ihnen Fingerabdrücke ab. Sie tun das, weil die allermeisten Länder noch nicht die Zeit hatten, biometrische Pässe mit unverwechselbaren Körperdaten einzuführen, wie sie die Amerikaner fordern. Es gibt sie allerdings auch in Amerika noch nicht. Von Oktober an sollen mit Ausnahme der Kanadier und Mexikaner alle Reisenden diese Prozedur durchlaufen. Ebenfalls im Oktober gelten nur noch maschinenlesbare Ausweise; selbst Säuglinge brauchen einen eigenen mit vierteljährlich aktualisiertem Bild.

Ein Regularienwirrwarr wie nirgendwo sonst auf der Welt

Die Notwendigkeit all dieser Maßnahmen begründet man in der amerikanischen Botschaft in Deutschland so: Es gehe darum, die amerikanische Landesgrenze zum letzten Bollwerk im Kampf gegen den Terrorismus zu machen. Die anderen Bollwerke müssen demnach dort errichtet werden, wo nicht mehr Amerika ist – in befreundeten Ländern zum Beispiel und in der Privatsphäre der Reisenden. Was aus europäischer Perspektive als Übergriff erscheint, entspringt freilich gerade dem Wunsch, Übergriffe zu vermeiden. Ein Polizeistaat braucht wenige Gesetze, um seine Grenzen zu schützen. Die amerikanische Demokratie indes will verbürgen, dass nicht Gutdünken über das Recht auf die Einreise bestimmt. Doch der Wunsch, die größte Sicherheit mit der größten Gerechtigkeit zu verbinden, erzeugt einen Regularienwirrwarr wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Beim Entwirren setzt mancher Reisewillige schon auf professionelle Unterstützung. Das Berliner Unternehmen The American Dream berät Visumpflichtige. Die Hilfe reicht von Tipps beim Ausfüllen der Formulare bis zum Verhaltenstraining für das Gespräch im Konsulat. "Das ist nicht wie bei deutschen Behörden, wo man die Papiere hinlegt, und fertig", sagt der Auswanderungsberater Georg Mehnert. Man müsse die Beamten von seiner Aufrichtigkeit überzeugen, und das sei bisweilen nicht leicht. Die Botschaft ist deutlich: Es gibt kein Recht auf ein Visum – ebenso wenig, wie das Visum die Einreise garantiert. Wenn der amerikanische Grenzpolizist die Regeln enger auslegt als sein Kollege im Konsulat, macht der Reisende mit den Instrumenten Bekanntschaft, die vornehmlich zur Abschreckung illegaler Einwanderer dienen. "Die Immigration wird in Amerika zunehmend der Exekutive überlassen", sagt Mehnert; "das führt zu Willkür."

Stärke zeigen heißt offenbar die Devise; und die USA üben sie nicht nur gegenüber Besuchern, sondern auch bei ihren Verbündeten. Die amerikanischen Wünsche zur Erhöhung der Sicherheit erinnern bisweilen eher an Anweisungen, und so werden sie auch umgesetzt, wenngleich beide Seiten das nach Kräften verschleiern. So musste um Weihnachten 2003 Air France sechs Flüge in die USA stornieren. Als Grund nannte die französische Regierung eigene und amerikanische Erkenntnisse über eine mögliche Bedrohung. Später erwies sich, dass Colin Powell schlicht bei seinem Kollegen Villepin angerufen hatte. Entsprechend gering ist die Bereitschaft, Fehler zuzugeben. Nur zögerlich räumte man ein, dass eine bloße Namensähnlichkeit sechs harmlose Passagiere zu Terroristen gestempelt hatte.

Auch in Deutschland hält man sich bedeckt. Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, wurde zwar jüngst mit der Bemerkung zitiert, das Sicherheitsbedürfnis der USA dürfe nicht auf Kosten zumutbarer Reisemöglichkeiten gehen. Dass es schon so weit sei, meint allerdings auch er nicht. Er vermerkt zwar die "robuste Art unserer amerikanischen Freunde. Aber damit haben wir umzugehen gelernt". Tatsächlich? So weit erkennbar, bestand die deutsche Position bislang vor allem darin, den Amerikanern zu folgen. Was Schily in Georgia aushandeln will, ist nicht zu ermitteln. Das werde man nachher sehen, orakelt es aus dem Innenministerium: "Ein sehr heikles Thema." Es scheint, als sollte die Heimlichtuerei nicht zuletzt lästige Diskussionen ersticken.