Der Schaden ist angerichtet, gleich, ob sich die schockierenden Bilder des Daily Mirror als echt, gefälscht oder nachgestellt erweisen. So lautet die resignierte Antwort von britischen Militärs und Politikern. Sie fürchten, nach diesen Fotos werde der Einsatz der Truppen noch riskanter und schwieriger. Al-Qaida hätte sich eine "wirkungsvollere Rekrutierungskampagne" kaum wünschen können, sagte ein Minister. Schmerzlich bewusst ist sich die Londoner Regierung der eigenen Schwäche im "Kampf um die Herzen und Köpfe" der Iraker und der gesamten arabischen Welt. Während ein Massenmörder wie bin Laden bisweilen geradezu einen ikonischen Status besitze, klagt man in 10 Downing Street, berichteten arabische Medien über Greueltaten und Massaker des "irakischen Widerstandes" nur sehr kühl. TV-Kanäle wie al-Dschasira würden unaufhörlich Schreckensbilder über die Besatzungstruppen senden, um beim islamischen Publikum ein Gefühl permanenter Erniedrigung und Misshandlung hervorzurufen.

In Großbritannien wird deshalb nicht nur die Frage nach den Foltervorwürfen und der Authentizität der Fotos im Daily Mirror gestellt, sondern auch die nach der Verantwortung der Presse. Hätte das Massenblatt, das mit immer neuen, oft fragwürdigen Sensationen gegen eine fallende Auflage ankämpft, die anklagenden Bilder zeigen dürfen, ohne sich über deren Wahrhaftigkeit sicher zu sein?

Der Daily Mirror erhebt gegen Soldaten des Lancashire-Regimentes schlimme Vorwürfe. Ein gefangener Iraker wurde angeblich stundenlang gequält, geprügelt und am Ende von einem Lkw geworfen. Die Fotos zeigen einen jungen Mann. Sein Kopf ist verhüllt und auf ihn wird uriniert und mit Gewehrkolben eingedroschen.

Die Zweifel an der Echtheit dieser Bilder bestehen fort; sie sind zu perfekt aufgenommen, Offiziere weisen auf diverse Ungereimtheiten hin. Der Lkw-Typ, auf dem die Misshandlung stattgefunden haben soll, sei im Irak nicht eingesetzt worden. Die Regierung leitete eine dringliche Untersuchung ein, die möglichst schnell abgeschlossen werden soll. Man sorgt sich um den Ruf der Armee.

Ganz untadelig ist er ohnehin nicht. 21 Ermittlungen wurden bislang eingeleitet, die Hälfte davon kam zu keinem Ergebnis, in sechs Fällen soll Anklage erhoben werden: wegen Misshandlung und auch wegen ungeklärter Todesfälle.

Jürgen Krönig