Und der Gewinner ist: Nicolas Sarkozy." So resümiert das Pariser Magazin Le Nouvel Observateur die Übernahme des deutsch-französischen Pharmaunternehmens Aventis durch den französischen Konkurrenten Sanofi. Nicolas Sarkozy ist der neue französische Wirtschaftsminister. Der hatte sich vor und hinter den Kulissen für Sanofi stark gemacht, ohne seinen Druck auf die Beteiligten wäre die monatelange Schlacht vielleicht ganz anders ausgegangen. Und die Gegenleistung für die deutsche Seite? "Es gibt kein Gegengeschäft, so wahr ich hier sitze", beteuert Frank-Walter Steinmeier, Staatsekretär im Berliner Kanzleramt.

Also eine französische Spezialität, wo ein Minister über die Fusion von Privatunternehmen bestimmt? Die Franzosen stört das kaum. Sanofi wird durch die Fusion zum drittgrößten Arzneimittelhersteller der Welt, ein Europa-Champion mit Sitz in Frankreich unter französischer Leitung – ist das etwa keine Erfolgsmeldung?

Damit knüpft Sarkozy an eine alte Tradition an: den Colbertismus. Benannt nach Jean-Baptiste Colbert, dem allmächigen Finanzminister LudwigsXIV. Bis in die siebziger Jahre war die Ansicht in Frankreich Allgemeingut, dass der Wandel von der rückständigen, vorindustriellen Wirtschaftsstruktur zur modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ohne direkten Eingriff des Staats nicht gelingen könne. Der Staat gab der Wirtschaft ehrgeizige Ziele vor, die planification diente ihm als Instrument der Umsetzung. Nach 1981 setzten die Sozialisten noch einen drauf und starteten eine Welle von Verstaatlichungen in Industrie und Finanzsektor.

Für wirklich europäische Champions machte sich Paris immer nur dann stark, wenn die eigenen Möglichkeiten nicht reichten. Airbus und die Ariane-Rakete sind Beispiele für erfolgreiche europäische Industrieprojekte, bei denen Paris die treibende Kraft war. Doch noch lieber schmiedete man große nationale Konzerne. Dies blieb nicht ohne Erfolg. Nach einer Rangliste des US-Wirtschaftsmagazins Fortune werden von weltweit 50 Branchen immerhin zehn von französischen Konzernen angeführt, nur vier von deutschen.

Im Zweifelsfall sind die Franzosen auch bereit, für ihre nationalen Ambitionen einen hohen Preis zu zahlen. Illustres Beispiel: der Computerbauer Bull. Der Staat nationalisierte das Unternehmen vor 23 Jahren, um einen französischen Konkurrenten gegen IBM zu schmieden. Das Abenteuer wurde zum Milliardengrab. Vor acht Jahren begann die Regierung mit der Reprivatisierung von Bull, doch das Unternehmen ist marode und überlebt von einem Rettungsplan zum nächsten.

Für industriepolitischen Dirigismus steht auch France Télécom. Der Ex-Monopolist war unter seinem Ex-Chef Michel Bon auf Einkaufstour in der ganzen Welt gegangen – allerdings auf Pump. Bis Ende 2002 stiegen die Schulden auf knapp 70 Milliarden Euro an. Der Staatskonzern war damit das höchstverschuldete Unternehmen der Welt. Zu seiner Rettung steuerte der Staat neun Milliarden Euro für eine Kapitalerhöhung bei. Die EU-Kommission prüft derzeit, ob dies eine verbotene Staatshilfe war. Parteipolitisch ist der Staatskapitalismus in Frankreich allerdings nur schwer zuzuordnen. "Die Interventionisten sind nicht unbedingt da, wo man sie vermutet", sagt Henrik Uterwedde, Frankreichexperte und Professor an der Universität Stuttgart.

Die Linke hat sich weitgehend zum Markt bekannt. Ausgerechnet die von 1997 bis 2002 amtierende Regierung des Sozialisten Lionel Jospin betrieb ein umfangreiches Programm der Reprivatisierung. Investoren aus aller Welt waren als Käufer von Beteiligungen willkommen. Als im September 1999 der Reifenkonzern Michelin ankündigte, er werde 7500 Stellen abbauen, und der sozialistische Premierminister Lionel Jospin von den Arbeitern bedrängt wurde, da wurde er deutlich. "Man darf nicht alles vom Staat oder von der Regierung erwarten", proklamierte er.

Das Eingreifen der konservativen Pariser Regierung im Übernahmekampf Sanofi/Aventis sieht damit ganz nach einem Rückgriff auf colbertistische Prinzipien aus. Mit dubioser Begründung, wie Ökonom Elie Cohen sagt, Forschungsdirektor beim nationalen Wissenschaftsverbund CNRS. "Frankreichs Vorwand, einen Pharmazie-Champion zu bilden, war reine Augenwischerei, um über unseren Rückstand gegenüber den USA hinwegzutäuschen", sagt er. Für den Pariser Wirtschaftsanwalt Nicolas Baverez ist das nur Flickschusterei. "Anders als in den siebziger Jahren interveniert die Regierung heute nur noch in Notfällen, ohne langfristige strategische Orientierung auf eine Bildung von Champions", sagt er.