Solche Pannen können selbst einem renommierten Anlegermagazin passieren. Als nach rund zwei Jahren Pause im März mit X-Fab wieder ein Unternehmen den Gang an die Börse wagen wollte, riet Börse Online zunächst zum Kauf der Aktien. "Die Emission hat Schwächen. Gleichwohl sind zunächst höhere Kurse zu erwarten", so das Urteil der Münchner Börsenpostille. Als dann aber alle Details des Börsengangs des defizitären Halbleiterunternehmens bekannt waren, revidierte das Magazin eine Woche später seine Meinung: "Wegen X-Fabs Patzern sind die Chancen auf kurzfristige Kursgewinne gesunken. Wir nehmen unsere Zeichnungsempfehlung zurück."

Was war passiert? Die Informationen über den Börsengang (auch Initial Public Offering, IPO) standen, wenn überhaupt, erst sehr spät zur Verfügung. Hinzu kamen überzogene Preisvorstellungen der abgebenden Muttergesellschaft. Die Commerzbank verließ kurzfristig das von der ING-Bank geführte Emissionskonsortium, das die Aktien platzieren sollte. Und die Konferenz, auf der sich der Neuling der Presse und den Analysten vorstellte, geriet vollends zum Desaster – nicht mal der Emissionsprospekt, die unverzichtbare Informationsquelle für jeden Investor, stand rechtzeitig zur Verfügung. Das Wohlwollen und den Vertrauensvorschuss der Finanzszene hatte der Börsenaspirant damit gründlich verspielt. "Ich bin doch nicht die Treuhand", kommentierte ein Frankfurter Fondsmanager trocken. Das Urteil der Presse fiel vernichtend aus, sämtliche potenziellen Anleger verweigerten sich, X-Fab zog seine Pläne zurück.

Jetzt aber soll sie doch rollen, die Welle neuer Börsengänge. Weil kurz nach X-Fab auch Siltronic, ein Zulieferer der Halbleiterindustrie, einen geplanten Börsengang abgesagt hatte, sollen nun die für die nächsten Wochen angekündigten IPOs der Mitteldeutschen Fahrradwerke und der Postbank den Startschuss für ein neues Wettrennen gen Börse abgeben. Im Herbst sollen Auto-Teile-Unger und Hapag Lloyd folgen. Zudem wollen Finanzinvestoren ihre Anteile am Automatenproduzenten Wincor Nixdorf sowie am Raststätten-und Tankstellenbetreiber Tank & Rast gewinnbringend am Kapitalmarkt platzieren. Beim Armaturenhersteller Grohe, bei der Fluglinie Air Berlin und beim Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland lässt man der Börsenfantasie freien Lauf. Außer Banken und Beratern hoffen auch Privatanleger auf gute Geschäfte. Doch die Wahrscheinlichkeit, mit Neuemissionen Geld zu verdienen, ist eher gering.

Fonds werden bevorzugt

Bei 339 von 439 Börsengängen seit dem Jahr 1997, also bei rund 77 Prozent aller Emissionen in diesem Zeitraum, verloren die Anleger mehr als die Hälfte des eingesetzten Kapitals. In einer aktuellen Studie kommt die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) zu diesem ernüchternden Ergebnis: "Bei 111 Börsenneulingen haben Anleger mehr als 95 Prozent des eingesetzten Kapitals verloren", so die SdK weiter. "Nur 37, also gerade einmal 8,4 Prozent" der ausgegebenen Aktien notierten über ihrem Ausgabepreis. Nun muss diese Statistik zwar auch im Licht der Übertreibungen des Neuen Marktes Ende der neunziger Jahre gesehen werden. Klar scheint aber, dass Kleinanleger von Neuemissionen nicht profitieren. Vielmehr haben sie bei interessanten IPOs, bei denen nach der Erstnotierung schnelle und hohe Kursgewinne zu erwarten sind, systematisch das Nachsehen.

Heinz Steffen, der als Analyst und Partner bei FAIResearch das Geschäft kennt, warnt: "Für Privatanleger rechnen sich Neuemissionen in der Regel nicht, denn wenn diese fair bewertet sind und über ein interessantes Geschäftsmodell verfügen, werden sie meist zum Großteil bei institutionellen Investoren platziert." Haben also etwa Fonds großes Interesse, bekommen sie ein größeres Stück vom Kuchen. In den Zeiten des Booms wurden zudem Freunde des Hauses sowie Analysten und Journalisten bevorzugt bedient.

Bei "Schrottwerten" hingegen, die kein Profi haben will, werden die Orders der Kleinanleger gern großzügig berücksichtigt – sie bekommen dann die von ihnen gezeichnete Zahl der Anteile voll zugeteilt. Hohe Gewinne sind entsprechend unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Im ungünstigen Fall haben Privatanleger ihr Depot voll mit einer zweitklassigen oder überteuerten Aktie, sodass massive Verluste drohen. Deshalb rät Börsenkenner Steffen Privatanlegern ganz klar, "von Börsengängen generell lieber die Finger" zu lassen.

Die Asymmetrie beim Geschäft folgt der Asymmetrie hinsichtlich der Informationen. Im Vergleich zu institutionellen Investoren, die heute im Fokus der die IPOs begleitenden Banken stehen, erhalten Kleinanleger in der Regel weniger Informationen – sie haben "definitiv einen Informationsnachteil", sagt Steffen. Der Manager einer großen Fondsgesellschaft muss nur anrufen, und er erhält ein persönliches Gespräch mit dem Vorstand des Börsenneulings. Auch Analystenstudien, die bei Neulingen ohne Börsenhistorie besonders interessant sind, erhält der institutionelle Anleger viel eher als der Privatinvestor. Wegen des Internet, der in den letzten Jahren verstärkten Berichterstattung der Printmedien über Börsengänge sowie neuer Transparenzvorschriften sei die Lücke zwischen Profis und Privatanlegern nach Ansicht von Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), zwar "kleiner geworden". Doch auch in seinen Augen kommen Institutionelle nach wie vor leichter an Informationen als Privatanleger.