Forschung kann glücklich machen. Wer vor einigen Wochen die aufgekratzte Edelgard Bulmahn beobachten konnte, die sich wie ein Backfisch gefreut hat, dass es unter tätiger Mithilfe deutscher Wissenschaftler gelungen ist, Wasser auf dem Mars zu entdecken, weiß endlich um die befreiende Wirkung wissenschaftlicher Exzellenz. Weitgehend freilich herrscht eher Grabesstimmung. Abhilfe kann da nur Exzellenz schaffen, und zwar eine Exzellenz, die entweder spektakuläre Ergebnisse erzielt – "Wasser auf dem Mars!" –, oder eine Exzellenz, die produktnah wirtschaftsstandortrelevantes Wissen produziert. In der kleinen Welt deutscher Wissenschaftspolitik stellt man sich Exzellenz dann als Magie der kleinen Wege vor. Hier eine Chip-Fabrik und gleich daneben das passende Forschungszentrum, dort biotechnologische Start-ups und Take-offs, gleich nebenan ein Forschungsinstitut aus Stahl und Glas, alles im Dienste der produktnahen Kreativität.

Die Naivität dieser simplen Utopie besteht unter anderem darin, dass sich solche Schnittstellen nicht staatlich planen lassen. Erreichen wird man nur politisch effektvolle Sätze mit putzigen Kausalitäten: "BMBF sorgt für Wasser auf dem Mars und Leben auf der Erde." Gedeihen kann das freilich nur durch eine im Hintergrund wirkende wissenschaftliche Forschung, die von der Schnittstelle weit entfernt ist, vielleicht nicht einmal mit ihr rechnet. Gerade die Geschichte der Natur-, Technik- und Biowissenschaften ist voll von Beispielen, dass gerade "nutzlose" Forschung bisweilen den größten praktischen Nutzen bringt, ohne dass dies auch nur antizipiert wurde. Die Entwicklung des Computertomografen ist dafür ein schönes Beispiel.

Das ist ein schönes Argument, finde ich. Und man könnte es als Plädoyer für "nutzlose" Forschung ausbauen – und schon wäre der Computertomograf als Anwalt für sozialwissenschaftliche, aber auch für kulturwissenschaftliche Forschung in Anspruch genommen, deren Nutzlosigkeit derzeit unmittelbar einzuleuchten scheint. Berechtigte Kritik wird dann noch lieber mit den üblichen Vorurteilen garniert (so Martin Spiewak in der ZEIT Nr. 18/04). Selbstverständlich halten sich die so genannten weichen Disziplinen nicht selbst für wirklich nutzlos – aber ihre Selbstbeschreibung ist doch eher defensiv. Da traut sich mal einer, etwas von "kritischer Begleitung" all der hübschen Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse zu sagen, eine andere weist auf die wichtige Funktion kollektiver Gedächtnisse hin. Beliebt, weil nah an den wirklichen Exzellenzbereichen, ist ein Hinweis auf "Ethik". Es fehlt auch nicht an verschämten Blicken auf die Bildungsfunktion der Auseinandersetzung mit Kulturgütern und so weiter. Wer aber so argumentiert, hat die Kritik eigentlich schon geschluckt und sieht sich in der Rolle dessen, der sich die Nase am Exzellenzschaufenster platt drückt und ebenso staunend wie erschrocken, aber mit erheblich besseren Formulierungen auf die Produktnähe jener Wissenschaften schaut, die Edelgard Bulmahn glücklich machen.

Ein bisschen sind wir offensichtlich alle wie Edelgard Bulmahn. Dabei wird völlig übersehen, dass es wohl keine "produktnähere" Form von Wissenschaft gibt als die Kultur- und Sozialwissenschaften. Sie sind die eigentlichen Technologiezentren der modernen Welt. Sie produzieren nichts Geringeres als jene Denk- und Erfahrungschiffren, mit denen wir uns in unserer Welt bewegen. Gäbe es die Idee des selbstverantwortlichen, leistungsstarken und mit sich identischen, zugleich aber revisionsfähigen Subjekts ohne seine kulturwissenschaftliche Erfindung? Gäbe es den heroischen Manager ohne das Heldensubjekt? Gäbe es Deutschland ohne die Philologie und die historischen Wissenschaften? Und was wären der Nationalstaat und die Demokratie ohne ihre sozialwissenschaftliche Legitimation? Haben wir nicht sogar Modernität als grundlegende gesellschaftliche Selbstbeschreibung erfunden, kollektive Moralen ebenso wie den Gegensatz von Individuum und Gesellschaft, die Adressierbarkeit politischer Kollektive ebenso wie die Muster, uns als solche ansprechbar zu machen? Sind nicht jene kollektiven Adressaten, an die uns zu wenden wir gewohnt sind, kategoriale Erfindungen sowohl der historischen Kulturwissenschaften wie der systematischen Sozialwissenschaften? Könnten wir wirklich als Individuen "handeln", würden wir nicht mit jener Idee versorgt, dass alles, was im sozialen Raum geschieht, auf die Intention von Akteuren zurückgeht? Hat man je soziale Klassen gesehen, ohne dass man zuvor wissenschaftlich definiert hätte, welche Klassenmerkmale wie klassifizieren? Gäbe es Bildung und Ausbildung ohne die Erfindung der menschlichen Bildsamkeit? Gäbe es Völker ohne den Volksgeist und diesen ohne seine Reflexion in kulturwissenschaftlichen Begriffen; und gäbe es ihre Dekonstruktion zu Verfassungspatriotismen oder wiederentdeckten Kosmopolitismen ohne die technologische Arbeit unserer Weltdeuter? Was wüsste die Politik und was die Wirtschaft von ihrem Publikum, hätten die Sozialwissenschaften nicht die Kategorien für Milieu, Meinungs- und Konsumstile erfunden, die ohne diese Kategorisierungen gar nichts von sich wüssten? Ist nicht selbst ein zünftiger Krieg gegen vorderasiatische Völker nur möglich, wenn man vorher den "Orient" erfunden hat? Und reagiert dieser "Orient" nicht erst, als sei er einer, seit man ihn so sehen kann? Ist nicht das Beobachtungsschema "Kultur" selbst das erfolgreichste Technologicum, das in den letzten zwei Jahrhunderten produziert wurde? Kann es sich nicht gar mit der Kernspaltung messen, oder ist es nicht wenigstens mindestens so wirkmächtig wie das Klonen?

Die Liste dieser Fragen sollte zweierlei deutlich machen: Zum einen sind die kultur- und sozialwissenschaftlichen Technologiezentren alles andere als randständige Produktionsstätten, sondern Fabriken unserer individuellen und kollektiven Beschreibungs- und Bemessungsformeln; zum anderen ist überdeutlich, dass es für diese der beiden wissenschaftlichen Kulturen nicht den geringsten Grund gibt, mit moralisch erhobenem Zeigefinger zu argumentieren. Ähnlich, wie physikalische, chemische, elektronische und genetische Technologien stets den Spagat zwischen Terror und Segen aushalten müssen, sind auch die Ergebnisse der Kultur- und Sozialwissenschaften eben nur Technologien, deren politische, ökonomische und pädagogische Umsetzung ebenso zerstörerische wie aufbauende Kräfte freisetzen kann. Man sollte sich also nichts vormachen: weder die humanities als "Korrektiv" der widrigen sciences stilisieren, noch diese als die einzigen Erkenntnisformen ansehen, die produktnahe Ergebnisse erzielen. Eine angemessene Positionierung der Kultur- und Sozialwissenschaften wird erst möglich sein, wenn diese selbst anerkennen, wie sehr sie jenen Technologiezentren ähneln, die sich naive Wissenschaftspolitik allein vorstellen kann. Erst wenn man das moralische Selbstbewusstsein der weichen Wissenschaften mit einem technologischen Selbstbewusstsein härtet, wird eine realistische Einschätzung möglich.

Es geht im Übrigen nicht nur um eine historische Perspektive, sondern auch um eine aktuelle. Wie sehr auch die schönen neuen Diskurse ums Globale, um die radikale Veränderung politischer Kollektive, um Standards für Lebensführung und planung, um Ästhetiken des Alltags, um ethische Entscheidungen, um die Formierung von "Kulturen" und um die Wirkung von Massenmedien mit den gewohnten Chiffren der kultur- und sozialwissenschaftlichen Überlieferung arbeiten und wie untauglich diese geworden sein können, vermag wiederum nur aus deren Perspektive wahrnehmbar zu werden. Insofern produzieren auch wir Neues: Dekonstruktionen unserer eigenen Begriffe, strange loops der Erkenntnis und kontraintuitive Interpretationen von Selbstverständlichkeiten. Übrigens deshalb beschäftigen sich Kultur- und Sozialwissenschaften, vor allem aber die Soziologie so sehr mit sich selbst, zum einen weil sie stets in ihrem Gegenstandsbereich vorkommen, zum anderen weil ihr Gegenstandsbereich mit ihren eigenen Produkten bevölkert ist. Auch hier kündigen sich übrigens wissenschaftliche Revolutionen an, die zwar nicht so spektakulär aussehen wie all jene Bio-, Gen-, Nano- oder Nuklearkomposita. Aber sie können es sein, wie wir wissen. Wirklich zu etwas gebracht freilich werden wir es erst haben, wenn Edelgard Bulmahn einmal vorschlagen wird, ein Zentrum für Kulturtechnikfolgenabschätzung einzurichten. Erst wenn man uns Schlimmes zutraut, werden wir auch mit angemessenen Mitteln ausgestattet. Vielleicht müssen wir nur glaubhaft machen, was wir schon Schlimmes angerichtet haben und wozu wir fähig sind. Ein kleines Problem besteht freilich darin, dass in der Wissenschaftspolitik auf fast allen Ebenen derzeit kein Gegenüber zu finden ist, das auch nur ansatzweise verstehen könnte, worum es hier geht. Man wird sich also weiter über Wasser auf dem Mars freuen. Die Begeisterung dafür hätte übrigens – das sollte zur Ehrenrettung von Edelgard Bulmahn gesagt werden – auch Johann Wolfgang von Goethe geteilt: "Vom Himmel kommt es / Zum Himmel steigt es /… / Seele des Menschen / Wie gleichst Du dem Wasser!".