New Delhi

Wenige Tage vor der Stimmenauszählung bei der indischen Parlamentswahl hat auch Maneka Gandhi ihren Wahlkampf beendet. "Am Ende bin ich immer ganz heiser", sagt sie. Wochenlang ist die 47-jährige Kandidatin bei 40Grad Hitze in einem Konvoi eingestaubter Geländewagen durch ihren Wahlkreis Pilibhit im Nordosten des Landes gefahren; manchmal besuchte sie an einem Tag 30 Dörfer. Den Bürgermeistern und Kastenführern, den Reis- und Weizenfarmern hat sie durch scheppernde Mikrofone versprochen, sich für neue Straßen und Schulen einzusetzen. Schließlich entsteige dem Emblem ihrer Partei, der Lotusblüte, der Legende nach die Wohlstandsgöttin Lakshmi. Und deren Name erinnere nicht umsonst an das Wort lakh, das heißt in Hindi: "100000 Rupien"!

Maneka Gandhis Auftritt ist routiniert, sie scherzt und hat doch etwas Majestätisches. Selbstbewusst sagt sie: "Ich muss nicht erklären, wer ich bin." Schon viermal hat sie das Mandat für die Volkskammer, die Lok Sabha, gewonnen. Und ob als Umwelt-, Sozial-, Kultur- oder Tierschutzministerin, stets eckte sie mit engagierten, manchmal auch undiplomatischen Angriffen auf Firmen oder Politiker an – was bis zu ihrem Rücktritt oder Rauswurf führte.

Doch nicht zuletzt kennt man Maneka Gandhi, weil sie die Witwe Sanjay Gandhis ist; der Lieblingssohn der legendären einstigen Premierministerin Indira Gandhi kam 1980 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. 24 Jahre sind seitdem vergangen, doch bis heute verschafft ihr Name Maneka Gandhi eine Rolle in der "größten Familienshow der Welt", wie die Tageszeitung India Today über den diesjährigen Wahlkampf schrieb.

Hauptdarstellerin dieser "Show" ist Manekas Schwägerin, Sonia Gandhi, die Oppositionsführerin und Spitzenkandidatin der Kongresspartei. Auch ihr Ehemann, Indiras zweiter Sohn Rajiv, selbst Premierminister, starb jung: Er wurde 1994 ermordet. Doch die Ähnlichkeit ihres Schicksals hat die beiden zutiefst gegensätzlichen Frauen einander nicht näher gebracht. Seit Langem liefern sie sich vielmehr einen mal subtilen, mal offenen Kampf um Macht, Einfluss und das Vermächtnis der Familie, der bei dieser Wahl mal wieder eskaliert: Gandhi gegen Gandhi.

Kein Spaß für Sonia war beispielsweise Manekas Schritt im Februar, nicht mehr wie seit Jahren als freie Kandidatin, sondern als Zugpferd für die Bharatiya Janata Party (BJP) ins Rennen zu gehen. Dahinter steckte zwar ihre Überlegung, dass mit wachsender Macht der hindunationalistischen Regierungspartei die Aussichten auf ein Ministeramt für Unabhängige sinken. Doch zugleich konnte die BJP jenen magischen Namen kapern, der seit Jahrzehnten allein für den politischen Hauptgegner, den Indian National Congress, stand.

Mit Jawaharlal Nehru, Indira und Rajiv Gandhi hat die Dynastie drei Premierminister der Kongresspartei gestellt; sie prägte Indiens größte und umstrittenste Zeiten vom Kampf um die Unabhängigkeit über den Ausnahmezustand, den Indira Gandhi verhängte, bis zu den Anfängen der High-Tech-Revolution. Die Familie wird verehrt für die persönlichen Opfer, die sie brachte.

Aber Maneka war stets das Enfant terrible. Mit ihrer Schwiegermutter Indira zankte sie sich öffentlich; Vorwürfen, die Kongresspartei sei korrupt, schloss sie sich scharfzüngig an. Ein angespanntes Verhältnis, "wenn Sie es milde formulieren wollen". Und nun ist sie für die BJP ein Schnäppchen? "Das nehme ich an", sagt sie. Um die Sache sogleich als "Formalität" herunterzuspielen: "Schließlich arbeite ich im Kabinett schon seit Jahren mit der BJP zusammen." Doch in Indien wirkt ihre Entscheidung etwa so, als würde sich in den USA ein Kennedy von den Republikanern aufstellen lassen.