Das deutsche Gesundheitssystem gleicht einem riesigen Flipperautomaten. Der Mensch wird darin häufig wie eine Kugel zwischen den Fachdisziplinen hin und her katapultiert. Der Hausarzt schickt den Kranken zum Magenspezialisten, der überweist zum Herzexperten – entweder direkt oder wieder über die Bande Hausarzt – und so weiter.

Ganz und gar schwindelig kann dem Patienten werden, wenn er ins Krankenhaus gerät. Dort, etwa im Labyrinth einer Universitätsklinik, irrt er mit einer grünen Röntgentüte in der Hand von Abteilung zu Abteilung. Doch man kann die Odyssee auch als Belastungstest sehen: Denn findet der Kranke die Orientierung und kann sich dabei aufrecht halten, sogar laufen, ist er auch schon entlassungsreif. Doch wehe, wenn er für den Abgang den falschen Tag erwischt.

Die schlechteste Wahl für den Rücksturz ins Leben ist der Freitag. Natascha Nüssler von der Berliner Charité hat sich die Mühe gemacht, an 900000 Krankenhausfällen die Entlassungslage der Nation zu analysieren. Der Freitag, fand sie heraus, ist der Hauptentlassungstag. Doch gerade Patienten, die zum Wochenende das Krankenhaus verlassen, müssen am häufigsten wieder zurückkehren. Und sie haben ein höheres Risiko zu sterben.

Über den Grund für die ungleiche Verteilung der Entlassungen kann man nur mutmaßen. Ist es, weil samstags und sonntags nur die minimale Pflegebesetzung an Deck ist, der ärztliche Chef lediglich zur Stippvisite kommt und niemand gern Patienten des Kollegen entlässt? Wird der Kranke, auch wenn vielleicht noch gar nicht auskuriert, deshalb vorher vor die Tür gesetzt? Dann hockt er allein zu Hause und kränkelt. Sein Hausarzt genießt das wohlverdiente Wochenende, zum Notdienst traut sich der Patient nicht, und die regulären Praxen haben erst montags wieder geöffnet. Dann sind die Komplikationen schon da.

Dezent mahnt daher die Privatdozentin Nüssler an, man möge "die Entlassung zukünftig wesentlich stärker allein nach medizinischen Maßstäben ausrichten". Doch mehr Personal ist zu teuer. Also müssten sich ambulante Versorgung und stationäre Behandlung abstimmen, damit der Kranke nicht ins Wochenend-Loch fällt. Das tun sie aber nicht – obwohl die gesetzlichen Möglichkeiten dafür bestünden.

Dabei machen erste Krankenhäuser schon vor, wie man zwischen Akutversorgung in der Klinik und der heimischen Bettstatt eine Brücke schlägt. Das Evangelische Krankenhaus im nordrhein-westfälischen Mettmann beispielsweise wird für den soften Übergang eine so genannte Brückenstation einrichten. Niedergelassene Ärzte kommen ins Krankenhaus und versorgen dort die Patienten. Weitere Mitarbeiter bereiten die sichere Heimkehr vor. Das klingt teuer, könnte sich aber auszahlen. Im harten Wettbewerb der Krankenhäuser ist die schnelle Behandlung mit sicherer Rückkehr ein erstklassiges Werbeargument.

Harro Albrecht