Seit den Anschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001 florieren die Geschäfte des Abdul Asis (Name geändert) in Hamburg. Das Kapital des freundlichen, zurückhaltenden Mannes besteht darin, dass er Arabisch so gut wie Deutsch spricht. Das macht ihn wertvoll für die Hamburger Polizei und die Verfassungs- und Staatsschützer. Für sie übersetzt Asis Mitschnitte von Telefonaten oder Unterhaltungen von Hamburger Islamisten, oft Freunde und Bekannte der Attentäter der Anschläge in den USA und ihrer Helfer.

Asis kennt die Stimmen all derer, die in Hamburgs Moscheen oder Hinterzimmern den Dschihad, den Heiligen Krieg, preisen. Aber die meisten Gespräche, die Asis übersetzt, sind belanglos. Über Probleme am Arbeitsplatz reden sie, über Ärger mit dem Sozialamt oder über Sorgen um die Familie. Es ist eine mühsame Arbeit. Oft kämpft Asis dabei mit der Müdigkeit. Selten geht es direkt um Politik oder Religion.

Dabei kommt es auf die Zwischentöne an. Wie zum Beispiel bei den 20 Kassetten, die bei der Hausdurchsuchung eines Verdächtigen aus dem Umfeld der Hamburger Zelle gefunden wurden. Akkurat verpackt in Pappschachteln, waren die Rücken der Kassetten auf Arabisch beschriftet und mit Nummern und Datum versehen. "Abu Qatada: Speisen" war auf einer Kassette zu lesen. Im Auftrag des Bundeskriminalamtes (BKA) hörte sich ein Hamburger Kollege von Asis die 20 Kassetten an. Nach zwei Wochen war er mit der Übersetzung fertig.

Bewacher werden abgeschüttelt

"Der Redner beschreibt sehr ausführlich das Leben, Essen, Trinken, Einrichtungen und soziale Beziehungen im Paradies", gibt der Übersetzer etwa den Inhalt der Kassette 9 "Abu Qatada – Yihia ib Scharf Al Nawyi" wieder. Und mit "Ilim und Jahil", Unwissen und Wissen, ist der Inhalt der Kassette 18, "Abu Qatada: Die Wissenschaften der Grundlagen des Al Fiqh", umschrieben. "Durch Wissen und Wissenschaften kommt man zu Gott und landet im Paradies. Durch das Unwissen erreicht man das Gegenteil. Die Ungläubigen verfügen über kein Wissen und keine Kenntnisse und deswegen glauben die nicht an Gott." Nur vereinzelt sei Kritik an der westlichen Welt herauszuhören. "Der Redner ist dagegen, dass Männer und Frauen westliche Universitäten besuchen", schreibt der Übersetzer. Viele würden dort ihre Magister- und Doktorarbeiten fälschen. Deshalb könne man sich "auf solche Inhalte und auf solche Wissenschaften nicht verlassen".

Er habe auf den Kassetten von Abu Qatada "keinerlei extremistische oder radikale Äußerungen festgestellt", schreibt der Übersetzer in seiner Expertise. Und dennoch sind in seiner Übersetzung Sätze zu lesen, die die Sachbearbeiter beim BKA aufhorchen lassen. "Auch Frauen und Kinder dürfen nach dem Gesetz nicht getötet werden, wenn aber Vorteile dadurch für die Religion entstehen, darf es gemacht werden", heißt es auf der Kassette "Abu Qatada: Die Wissenschaft des Al Aql 1". Abu Qatada ist kein Unbekannter, "Osama bin Ladens Botschafter in Europa" nennen ihn die Ermittler. Bis zu seinem Untertauchen im Dezember 2001 zog Abu Qatada von London aus die Strippen im europäischen Netzwerk von al-Qaida (ZEIT Nr. 36/02). Für den Sachbearbeiter beim BKA schließt sich damit der Kreis. Der Aufwand hat sich gelohnt. Wenn auch der Besitz solcher Kassetten nicht strafbar ist, sagen sie doch viel über die Geisteshaltung ihres Besitzers aus. Kein Zweifel, den Mann muss man im Auge behalten.