Ostfrauen sind anders. Kumpeliger und freizügiger zum Beispiel, "selbstbewusst, aber nicht so verkrampft emanzenhaft" (Bild) – so weit das Klischee. Auch Ökonomen interessieren sich für Frauen aus den neuen Bundesländern; vor allem weil sie sich auf dem Arbeitsmarkt anders verhalten: Wer gern einen Job hätte und keinen findet, meldet sich häufiger arbeitslos als Frauen im Westen. Ein kleiner Unterschied mit großen Folgen. "Wäre das nicht so, würden wir vielleicht die Debatte über den Aufbau Ost ganz anders führen", sagt Rüdiger Pohl, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH).

Pohl betont seit langem, dass die Erwerbsquoten, also der Anteil regulär Beschäftigter an der Gesamtbevölkerung, in Ost und West kaum auseinander liegen. 2003 betrug die Erwerbsquote im Osten 62,9 Prozent (ohne ABM), im Westen 69,6 Prozent. Die Arbeitslosenrate hingegen unterscheidet sich viel deutlicher: In Ostdeutschland (18,3 Prozent) ist sie fast doppelt so hoch wie im Westen (8,9 Prozent).

Frauen sind anders. Sie haben unstetere Erwerbsbiografien, besetzen fast 90 Prozent aller Teilzeitstellen, haben andere Krankheiten und eine längere Lebenserwartung. Eigentlich brauchen Frauen deshalb auch eine andere Sozialpolitik. Doch in den Debatten über Lohnnebenkosten und Sozialkürzungen spielen die speziellen Lebensläufe von Frauen meistens keine Rolle – dabei ergeben sich daraus Folgen für beinahe jede Reformbaustelle, von der Pflege bis zur Ich-AG.

Jeder Sozialexperte weiß zum Beispiel, wie leicht sich Rentenprognosen dadurch manipulieren lassen, dass man eine besonders hohe oder niedrige Erwerbsbeteiligung von Frauen unterstellt. Der demografische Wandel würde Deutschland umso weniger treffen, je mehr Frauen nicht nur Kinder großzögen, sondern gleichzeitig berufstätig wären. Oder das Beispiel Pflege: Bisher wird die ambulante Betreuung alter Menschen meist von nicht erwerbstätigen Töchtern oder Schwiegertöchtern übernommen. Mit steigender Berufstätigkeit und größerer regionaler Mobilität der Frauen muss dieser Teil des Pflegesystems neu strukturiert werden – vielleicht debattieren Fachleute über die "Vereinbarkeit von Pflege und Beruf" bald ähnlich wie heute über die Vereinbarkeit von Job und Familie gestritten wird.

Auf die Tagesordnung zurückgekehrt ist der Faktor Frau nicht zuletzt durch den dänischen Soziologieprofessor Gosta Esping-Andersen, den die Regierungsparteien als Vordenker entdeckt haben. Esping-Andersen, der den deutschen Sozialstaat stets als "konservatives" Modell bezeichnete, plädiert für eine Ausweitung des Niedriglohnsektors: "Wir brauchen mehr Jobs am unteren Ende der Lohnskala, wenn es weniger Hausfrauen und mehr berufstätige Mütter gibt."

In den Vereinigten Staaten gibt es längst eine Debatte über die Kluft zwischen Karrierefrauen und ihren oft illegal im Land lebenden Putzfrauen und Kindermädchen. Die amerikanische Starautorin Barbara Ehrenreich prangerte in ihrem Bestseller Global Women an, dass reiche Länder zunehmend Frauen aus armen Ländern importieren – für die Arbeiten, die Amerikanerinnen nicht erledigen wollen. Während früher die Männer zuerst auswanderten und Geld an die daheim gebliebenen Familien schickten, sprechen Experten nun von der "Feminisierung der Migration". Diese Debatte könnte auch das alternde Deutschland einholen, wenn für Pflegejobs noch dringender Arbeitskräfte gesucht werden. Der Deutsche Pflegeverband schätzt, dass heute schon rund 30000 Osteuropäerinnen in Deutschland alte Menschen pflegen. Als Arbeitgeberinnen könnten übrigens Ostfrauen wieder eine Sonderrolle spielen. Eine Studie der Universität Göttingen ergab, dass in Ostdeutschland die Durchschnittseinkommen von Frauen höher sind als die von Männern. Das gibt es bisher in keinem Industrieland der westlichen Welt.

Elisabeth Niejahr