Wenn am 15. Mai bei Rippon Boswell in Wiesbaden antike Teppiche zur Versteigerung kommen, werden viele mittelalte Herren im Saal und an den Telefonen sitzen. "Über 50, männlich, naturwissenschaftlich oder juristisch gebildet" – Christa Maltzahn kennt ihre Sammlerklientel. "Die Beschäftigung mit den Strukturen der Knüpftechniken kommt ihrem analytischen Denken entgegen." Die meisten Sammler erfreuen sich also nicht nur an dem erworbenen Stück, sondern genießen es, seine Struktur zu analysieren. Denn die Muster der Teppiche sind oft in aufwändigen Spinnungen und Drehungen gewebt – eine Wissenschaft für sich.

Anlässlich der diesjährigen Frühjahrsauktion werden bei dem einzigen deutschen Spezialauktionshaus gesondert 110 Turkmenen aus der Londoner Sammlung Lesley und Robert Pinner aufgerufen. Dafür gibt es einen eigenen Katalog, der verziert ist mit einem gestickten Schmuckbehang: Von fünf Blütenbäumen hängen "Tränende Herzen" herab zwischen Rankenbordüren in kräftigen Farben. Dieser Katalog ist nicht nur Auktionsunterlage, sondern auch ein Nachschlagewerk vor allem für die noch wenig erforschten kleineren Knüpfarbeiten aus Zentralasien. Ein begleitendes Supplement enthält ausführliche, mit dem Mikroskop für die wissenschaftliche Forschung angefertigte Strukturanalysen der Experten Annette und Volker Rautenstengel und Siawosch Azadi sowie eine CD mit den Abbildungen aller Auktionsstücke und auch Detailansichten.

Das Sammlerpaar Pinner, beide Naturwissenschaftler, begann sich in den sechziger Jahren für zentralasiatische Nomadenteppiche zu interessieren. Damals hatten sie mit ihrer Vorliebe noch wenig Konkurrenz und konnten eine Sammlung aufbauen, die sicherlich erhaltenswert wäre, schon aus Studiengründen. Aber es fand sich kein Museum, das zusichern konnte, die Stücke ständig zu zeigen. Den Hauptteil der Sammlung erwarben die Pinners gemeinsam; 1982 starb Frau Pinner. Dann kam nur noch ab und an ein Stück hinzu.

Ihr besonderes Interesse galt dem Stamm der Tekke. Die Pinners waren fasziniert von den vielen Varianten der Muster und Motive und erwarben vier der ältesten Hauptteppiche und drei seltene Brücken, aber auch Kamelbehänge, Taschen und Kulttextilien. Zu den wertvollsten Stücken gehört ein so genannter Tekke-Asmalyk-Tierbaum mit einem streng geometrischen Muster aus nachtblauen, dunkelgrünen und elfenbeinfarbenen diagonalen Blättern in Form eines Rautengitters; in jedem Feld steht ein Baum, ihm zur Seite je zwei Tiere. Die samtweiche, in Form eines gestuften Giebels geknüpfte Arbeit (entstanden vor 1800) wird auf 40000 Euro geschätzt.

Insgesamt sind die Preise bei der Wiesbadener Auktion jedoch moderat angesetzt, weniger als zehn Losnummern liegen im fünfstelligen Bereich, die übrigen bewegen sich zwischen einigen hundert bis zu einigen tausend Euro.

Nach mehr als 20 Jahren auf dem Dachboden des Hauses in Twickenham werden die Schätze der Pinners nun vor der Auktion noch ein letztes Mal fünf Tage lang als Gesamtheit präsentiert. In den vergangenen 30 Jahren ist die Nachfrage bei den Sammlern stark gestiegen: "Seit etwa zehn Jahren", sagt Christa Maltzahn, "kommen nicht mehr genügend turkmenische Sammlerteppiche auf den Markt." Das scheint ihr ein günstiger Moment für den Verkauf zu sein.

Im zweiten Teil der am gleichen Tag stattfindenden Auktion werden 125 seltene antike Teppiche, Flachgewebe und Textilien aufgerufen. Es kamen weitere seltene Turkmenen aus anderen Quellen hinzu, darunter ein lange verschollener Adler-II-Hauptteppich von musealer Qualität aus Südwestturkestan, vor 1800 (29000 Euro). Außerdem wird das Haus einen auf 1898 datierten, intensiv safrangelbgrundigen Bachtiari-Khan-Teppich aus Zentralpersien anbieten. Das auf 24000 Euro taxierte Exemplar zeigt den Stammesfürsten Hajji Ali Quli Khan Sardar As ad II, umringt von seinen Stammesführern, in einem blühenden Baum sitzend. Ungewöhnlich ist auch eine 78 mal 148 Zentimeter große Arabatschi-Tschowal-Tasche, um 1800, aus Zentralasien mit acht vollständigen und vier angeschnittenen Tschowai-Güls-Motiven (6800 Euro): ein elitäres Stück, von dem sich ein ähnliches, aber längst nicht so gut erhaltenes Exemplar im New Yorker Metropolitan Museums befindet. Die Tasche stammt aus dem Besitz eines ostdeutschen Künstlers und hat auf wundersame Weise Krieg und Nachkriegswirren überstanden, sogar mit einer geradezu magischen Präsenz. Das kostbare Material schimmert und glänzt seit 200 Jahren und ist noch heute wie neu (www.rippon-boswell-wiesbaden.de).