Tel Aviv

Die Teenager trugen Jeans, weiße TShirts und Kippa. Sie standen an allen wichtigen Straßenkreuzungen im Land und verteilten Handzettel mit dem Slogan: "Die Räumung von Siedlungen ist ein Sieg des Terrors." Nur wenige Autofahrer machten sich die Mühe, ihre Fenster herunterzukurbeln. Meist ignorierten sie die eifrigen Jugendlichen, deren Kampagne sich vor allem an die 193000 Mitglieder der Likud-Partei richtete. Doch nur die Hälfte von ihnen nahm am vergangenen Sonntag an der Befragung zu Ariel Scharons Abzugsplan teil. 59,5 Prozent stimmten gegen das Vorhaben, alle jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen und einige im Westjordanland zu räumen. Das Ergebnis verzerrt jedoch das Gesamtbild. Denn die "Nein-Sager" repräsentieren nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung.

Kann es sein, dass eine schwindend geringe Minderheit über das Schicksal des Landes und das seiner Nachbarn bestimmt? Diese Frage beschäftigt viele Israelis, die den Gaza-Streifen lieber heute als morgen geräumt sähen. Nach einer aktuellen Umfrage des Dahaf-Instituts unterstützen 62Prozent der Bevölkerung Scharons Rückzugsplan. Selbst unter den Likud-Wählern findet er eine Mehrheit von 55 Prozent. Die Partei ist mithin radikaler als ihre Wähler.

Den zweifelhaften Erfolg des Referendums kann sich Mosche Feiglin auf die Fahnen schreiben. Er ist eine der treibenden Kräfte hinter der Kampagne gegen den Trennungsplan. Dabei hat sich der 42-jährige Anführer der radikalen religiösen Gruppe Jewish Leadership Movement erst vor fünf Jahren dem Likud angeschlossen. Damals steckte die Partei in einem Tief; Benjamin Netanjahu hatte gerade erst die Wahlen haushoch an Ehud Barak von der Arbeitspartei verloren. Feiglin sieht sich als Repräsentant der künftigen Siedler-Generation und hat es sich zum Ziel gemacht, den Likud auf seine Seite zu ziehen. Er hatte in den neunziger Jahren mit seinen Protestaktionen gegen den Osloer Friedensprozess Aufsehen erregt, hatte ganze Straßenzüge blockiert und musste deshalb ins Gefängnis. 10000 Mitglieder gehören seiner Gruppe im Likud an. Feiglin und seine Anhänger hätten das Zentralkomitee der Partei "gekidnappt", klagen besorgte Likud-Vertreter.

Feiglins Leute hatten sich auch schon im Mai 2002 durchgesetzt, als das Likud-Zentralkomitee sich explizit gegen einen Palästinenserstaat aussprach, dessen Schaffung Scharon erstmals in Aussicht gestellt hatte. Scharon jedoch blieb bei seiner Haltung und führte die Partei im Januar 2003 erneut zum Wahlsieg. Auch jetzt hat er nicht vor, seinen Rückzugsplan aus Gaza aufzugeben. "Selbst wenn die Siedler diese Schlacht gewonnen haben, wird mich das nicht aufhalten", soll er hinter verschlossenen Türen verkündet haben.

Wenn sich die Gemüter wieder etwas beruhigt hätten, würden die Likud-Mitglieder merken, dass die Partei sich nicht gegen den Wunsch der Mehrheit im Land stemmen könne, sagt Jitzhak Regev. Er vertritt den Likud im Stadtrat von Haifa, einem der wenigen Orte, wo sich die Verteidiger des Gaza-Plans durchsetzen konnten. "Wenn der Likud als Volkspartei weiter existieren will, muss er sich um Ariel Scharon scharen. Für ihn gibt es keinen Ersatz." Sollte die Partei weiter nach rechts driften, liefen ihr die Wähler davon.

Wie sehen die Israelis ihre Zukunft? Zu welchen Konzessionen ist die Mehrheit bereit? Mit dieser Frage beschäftigt sich Tamar Hermann vom Steinmetz Center for Peace Research an der Universität Tel Aviv seit vielen Jahren. Der Wunsch nach einer klaren Trennung, sagt sie, sei schon lange eine Konstante in ihren Umfragen. "Die Israelis wollen einen jüdischen demokratischen Staat. Dafür sind sie bereit, einen Palästinenserstaat zu akzeptieren und territoriale Zugeständnisse zu machen." Die Bereitschaft, Siedlungen aufzugeben, sei mit der Zeit gewachsen. So gebe es heute eine Mehrheit für die Räumung des Gaza-Streifens sowie für die Aufgabe von isolierten Siedlungen im Westjordanland – allerdings unter Beibehaltung der großen Siedlungsblöcke. In der Jerusalem-Frage, so die Merheitsmeinung, könne man sich "arrangieren", die heiligen Stätten – der Haram al-Sharif oder Tempelberg – dürften jedoch nicht unter palästinensische Herrschaft fallen.

Ähnlich analysiert Ari Shavit in der Zeitung Ha’aretz : "Die Mehrheit der Israelis hat den Gaza-Streifen satt, hat die isolierten und grundlosen Siedlungen satt, sie will eine Grenze, einen Zaun und ein Gefühl des Zuhauseseins. Sie will die Besatzung eindämmen und den Konflikt abmildern."