Schon der Name! Mitten in der 68er-Pubertät, der persönlichen wie der politischen, traf mich die Wucht des Werkes der Niki de Saint Phalle. Mitten in der Unwucht der damaligen Welt. Dieser Name! Es konnte nur ein Pseudonym sein. "Heiliger Phallus". Frisch, frech, frivol. Aber es war alles echt! Wie all die Arbeiten, die ich abgebildet sah – absolut authentisch.

Der kindliche Zugriff, der naive Blick, die kreatürliche Unbescholtenheit – Kunstwerke, die sich völlig schutzlos offenbarten, sie sprachen mich direkt an. Meine erste Nana, 1966, Stockholm: wie sie preisgegeben da hingelegt ist, die farbenfrohe Schwangere mit den weit gespreizten Schenkeln, 9 Meter breit, 28 Meter lang, 6 Meter hoch, so groß und so intim. Ungeheuerlich die Vorstellung, durch ihren torgroßen Schoß in das Innere der Frau zu laufen und Weiblichkeit zu besichtigen, das Verbotene zu betreten und das Begehrte zu begehen! Atemberaubend. Und verstörend. Weil, das strahlt die Aura dieser Plastik ab, hier nichts ungebrochen ausgestellt ist. Zu laut, sehr schrill die Kolorierung, die künstlerische Kraft wie Hilferufe, der Gestaltungswille ein Überlebenswille, die zur Schau gestellte Größe überlebensgroß. Was verbirgt der Firnis über dem gefärbten Polyester?

Eine prekäre Künstlerbiografie, ein fragiles Frauenbild. Niki de Saint Phalle, eine 1930 geborene Gräfin aus Frankreich, mit einem Banker als Vater, der sie vergewaltigt. Stockkatholisch die amerikanische Mutter. Neue Welt, Alte Welt – das Mädchen hin- und hergerissen. Das Vermögen der Familie geht verloren. Flucht aus Frankreich vor den Faschisten. Schwer erziehbar die rebellische Tochter, Verweise vom Pennal; Flucht aus der bürgerlichen Enge in eine Künstlerehe mit zwei Kindern; Karriere als Covergirl für Vogue und Life; Kollaps, Nervenheilanstalt, E-Schocks; Scheidung, Kunsttherapie. Ein neues Leben beginnt.

Mit 31 in Paris der Durchbruch: Ihre Schieß-Bilder radikalisieren den artistischen Protest ihrer Freunde Rauschenberg, Spoerri, Tinguely aus der Gruppe Nouveaux Réalistes gegen die Harmlosigkeit der marktführenden informellen Malerei der Nachkriegszeit.

Krieg führt die Saint Phalle mit dem Farbgewehr gegen den Keilrahmen, gegen Männer und Macht. Perforiert wird der Papa, der Priester, der Philosoph, Kennedy, Chruschtschow, die Kirche, ihre Klosterschule; sie gibt der eigenen Mutter die Kugel als Kunstwerk – und sich selbst.

Sofort berichtet die Weltpresse über die Performances dieser schönen Amazone als feministische Furie. Und der Doppelruhm als populärer Medienstar und elitärer Kunstvampir war etabliert.

Die aggressive Auseinandersetzung mit der eigenen Gewalt setzt eine kasernierte Liebe frei, die fortan ihre Produktivität auszeichnet. Ob Papiermaché oder Polyester, ob Holz oder Leinen, ob Bleistift, Buntstift, Filzstift, Radierung, Litho oder Offset, ob Montage, Couache, Collage, kleine Modelle und riesige Objekte – was immer sie herstellt, mit welchen Mitteln auch immer: Niki de Saint Phalle will die Bedrohung bannen und die Lebenslust in ihren femininen Formen fassen. Die Palette sprengt schier das Spektrum.

Wie anrührend, wenn sie die Sehnsucht malt und die Zuwendung zeichnet: Ihr ganzes Werk ist das Poesiealbum eines elfjährigen Mädchens, das noch als 70-jährige Kunstikone die destruktive Erfahrung des väterlichen Übergriffs ästhetisch gestalten muss. Dass Mannsbilder in ihrem Œuvre nur als Tod und Teufel, Monster, Biester, Narren, Drachen auftreten, ohne Gesicht oder gleich gehenkt – daran konnte die vier Jahrzehnte lang erprobte Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit dem kongenialen Jean Tinguely nicht wirklich etwas verrücken.