Rätsel heißt auf Englisch riddle. Und ein Rätsel war es schon, warum ausgerechnet die 18-jährige Wasserpolospielerin Adriane Riddle entgegen den Prognosen der Ärzte den aggressiven Lungenkrebs jahrelang überlebte. Sie hatte das Medikament Iressa eingenommen. Das Problem mit diesem Produkt des Pharmaunternehmens AstraZeneca ist, dass es in wenigen Fällen spektakulär Tumoren schmelzen lässt, in den meisten aber nicht. Riddle hatte Glück.

Geschichten wie die über Riddle kursieren seit vier Jahren unter den Todkranken und Ärzten. Wer zu den wenigen Glücklichen gehören würde, bei dem Iressa seine Wirkung entfaltet, konnte jedoch bisher niemand vorhersagen. Die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) war so wenig von dem Krebsmedikament überzeugt, dass sie es fast nicht zugelassen hätte. Dann aber beugte man sich dem öffentlichen Druck: Seit Mai letzten Jahres darf Iressa verabreicht werden – allerdings nur bei mehrfach vorbehandelten, aussichtlosen Fällen.

Inzwischen scheint das Rätsel der ungleichen Tumorreaktion gelöst. Unabhängig voneinander veröffentlichten in Science und im New England Journal of Medicine gleich zwei amerikanische Arbeitsgruppen die Erklärung. Eine genetische Eigenart in Riddles entarteten Zellen machte den Krebs offenbar empfänglich für das Medikament. Das Medikament Iressa scheint rehabilitiert und das Konzept der gezielten Tumortherapie bestätigt.

Es trifft den dritthäufigsten und tödlichsten Tumor, das nichtkleinzellige Lungenkarzinom. In Deutschland erkranken jährlich 32000 Menschen daran, 70 Prozent der Fälle werden erst in fortgeschrittenem Stadium entdeckt. Die meisten Patienten sterben trotz Chemotherapie innerhalb eines Jahres. In ganz seltenen Fällen wird mit Iressa der Krebs bereits seit vier Jahren in Schach gehalten.

Das Mittel zielt auf einen überaktiven Schalter in den Krebszellen namens Epidermal Growth Factor Receptor (EGFR). Der EGFR kurbelt unkontrolliert das Wachstum an. Warum die Blockade des EGFR-Schalters nur bei jedem zehnten Patienten gelingt und die Wucherung gestoppt werden kann, versuchten Wissenschaftler vom Dana-Farber Institute in Boston zu ergründen. Schon länger wurde beobachtet, dass der Lungenkrebs bei Frauen, Nichtrauchern und Japanern besser auf Iressa ansprach. Die Wissenschaftler untersuchten daher Tumorproben von 58 Japanern und 61 Amerikanern auf Anomalien im Erbgut. In 15 japanischen Proben war der genetische Bauplan für EGFR verändert, aber nur in einer amerikanischen. Dieselbe Genmutation entdeckten Kollegen auch noch bei einer Frau mit einem Iressa-empfindlichen Krebs. "Das waren genau die Gruppen, bei denen am häufigsten die Tumoren schrumpften, wenn sie mit Iressa behandelt wurden", sagt Bruce Johnson vom Dana-Farber Institute.

Anschließend organisierten die Forscher Krebsgewebe von fünf Patienten, die positiv auf Iressa reagiert hatten, und von vier Kranken, bei denen das Mittel nichts ausrichten konnte. In allen fünf Fällen mit positiver Reaktion fand sich die Mutation, in keinem der anderen. "Sucht man nach EGFR-Mutationen", sagt Johnson, "kann man sicherer vorhersagen, wer auf die Behandlung reagieren wird." Eine ebenso eindeutige Statistik legten auch die Wissenschaftler vom Massachusetts General Hospital in Boston im New England Journal of Medicine vor. Studienautor Daniel Haber hat die Marktlücke erkannt und verhandelt bereits mit Bio-Tech-Firmen über einen entsprechenden EGFR-Test, der in sechs Monaten bereitstehen soll.

Mit "maßgeschneiderten" Probanden könnten die Studien eindeutiger ausfallen. Iressa lässt zwar manche Tumoren eindrucksvoll schrumpfen. Ob es aber wirklich das Leben verlängert, war wegen der widersprüchlichen Ergebnisse bisher nicht eindeutig. Erstmals können nun auch Untersuchungen gewagt werden, bei denen der Stoff als Ersttherapie eingesetzt wird. Eine Vorauswahl ist schon deshalb angezeigt, weil Iressa verdächtigt wurde, fatale Lungenentzündungen auszulösen. Für jemanden, der kaum noch Chancen hat, ein akzeptables Risiko, für jemanden am Anfang seiner Therapie kaum.

Bis zum flächendeckenden Einsatz des EGFR-Tests aber dauert es wahrscheinlich noch Jahre. So lange geben die Ärzte den todkranken Patienten das Mittel versuchsweise. "Wer nach 8 bis 21 Tagen nicht darauf reagiert", sagt Ulrich Gatzemeier vom Zentrum für Pneumologie und Thoraxchirurgie in Großhansdorf, "bei dem hilft es wahrscheinlich nicht." Auf diese Weise hat sich das Mittel unter der Hand schon als Renner in der Lungenkrebstherapie etabliert. Weltweit haben es etwa 100000 Menschen geschluckt. In Europa wird das Mittel wohl erst im vierten Quartal dieses Jahres zugelassen. Bedürftige Patienten nehmen unterdessen an den inzwischen weit offenen Studien teil. "Eine Möglichkeit gibt es fast immer", sagt Gatzemeier, der schon über 250 Patienten behandelt hat.