Seine Majestät ist umstritten, viel Feind, viel Ehr. Der Adel protegierte ihn als Krönung des Jagderfolgs, die Bauern hassten ihn als Schädling in Wald und Flur. Die Wut des Volkes entlud sich nach der Revolution von 1848 und rottete den König des Waldes fast aus.

Doch Seine Majestät kehrte alsbald zurück. Zu groß war die Lust vieler (gewählter) Landesherren, der Hochwildjagd zu frönen. Rasch hegten sie wieder große Hirschbestände – und die Wildschäden nahmen enorm zu. Um den Frieden mit Förstern und Bauern zu wahren, wurden die umstrittenen Hirschreviere scharf begrenzt. Bis heute darf Rotwild nur auf einem Achtel der Fläche Deutschlands leben, auf einem amtlich fixierten Flickenteppich. Allerdings verstehen Hirsche die Vorschriften nicht und überschreiten Reviergrenzen. Dann bekommen sie von Amts wegen die Kugel.

"Rothirsch – quo vadis?", fragt die Deutsche Wildtier Stiftung angesichts dieses Unfugs, der mit Jagdpolitik viel und mit Ökologie nichts zu tun hat. Unterstützt vom Naturschutzbund Nabu und dem Lehrstuhl für Wildökologie und Jagdkunde der Technischen Universität Dresden, lädt die Stiftung zu einem Rotwildsymposium nach Bonn. Dort, im gastgebenden Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, soll am 7. und 8. Mai eine große Schar von Vertretern der Jäger, Förster, Naturschützer und Bauern aus allen Bundesländern über ein "Leitbild für das Rotwild-Management" diskutieren.

Schluss mit den starren Reviergrenzen für Rothirsche! Lasst sie ihren – zunehmend von Straßen zerschnittenen – Lebensraum selbst bestimmen, fordert das Leitbild, das die Wildbiologen Ulrich Wotschikowsky und Olaf Simon in Bonn zur Diskussion stellen. Sie hoffen, die Hirsche würden sich mit einer Verdoppelung ihres Lebensraumes begnügen und eigene Verbreitungsschwerpunkte bilden. In diesen Zentren sollen sie Ruhe genießen, das mache sie zutraulicher. Sie könnten ihre Waldverstecke verlassen und dem Publikum als Naturerlebnis dienen. Um die Wildschäden einzugrenzen, soll die absolute Zahl der Hirsche gleich bleiben. Das gewährleiste eine professionalisierte Jagd außerhalb der Verbreitungsschwerpunkte, die kleine abgewanderte Verbände komplett erlege, "ohne Zeugen zu hinterlassen". Das erzeuge keine Unruhe und Angst in den unbejagten Rudeln.

Doch der raumgreifenden Hirschreform droht zünftiger Zoff. Denn das Thema Rotwild spaltet wie kaum ein anderes die Naturfreunde in mehrere quasireligiöse Fraktionen: Jäger möchten möglichst viele stattliche Zwölf- bis Sechzehnender ("Kronenhirsche") schießen. Förster und Bauern würden am liebsten die als "opportunistische Mischäser" berüchtigten gefräßigen Wiederkäuer verbannen. Diese leben gern in Großrudeln und können lokal die Vegetation verwüsten. Gefürchtet sind die Verbissschäden an jungen Bäumen. Rotwild knabbert nicht nur Knospen und Triebe ab wie Rehwild, sondern frisst auch die Rinde (Schälschäden). Die Bäume gehen ein, die viel gelobte Naturverjüngung des Waldes ist dann unmöglich. Das spaltet die Naturschützer . Waldschützer fordern eine radikale Reduktion des Rotwildes. Irrtum, sagen Wildbiologen und Tierschützer, höherer Jagddruck steigere nur die Reproduktion der Hirsche und zwinge sie, im Waldversteck alles Nachwachsende zu fressen. Um die Wildschäden niedrig und die Hirschernte hoch zu halten, setzen viele Jäger auf die Winterfütterung und Kirrung (Anfüttern der Tiere am gewünschten Abschussort). Das spaltet sogar die Politiker: Bayern und Baden-Württemberg empfehlen die Kirrung, in Hessen oder Nordrhein-Westfalen ist sie verboten.

Kirren sei unwaidmännisch und verleite dazu, mit Futter Wild aus dem Nachbarrevier anzulocken. Das provoziert Streit unter Jägern, vor allem in kleinen Revieren. Durchschnittlich dauert es zwölf Jahre, bis ein rudelführender Kronenhirsch herangewachsen und abschussreif ist. Diesen Höhepunkt der Jagd erlauben viele Kleinreviere allenfalls einmal pro Jahrzehnt. Da liegt es nahe, Standort und Glück mit etwas Futter aufzubessern. Rotwild wandert gern und ist sehr lernfähig, mit Leckereien lockende Waidmänner haben schnell treue Großkunden.

Das neue Leitbild für Rotwildmanagement will deshalb alle Revierinhaber verpflichten, Hegegemeinschaften zu bilden. Diese müssten Berufsjäger einstellen und mit Sachverständigen einen Managementplan für die Hirsche entwickeln, ohne Kirrung. Über Ausgleichsfonds sollen die Gemeinschaften auch die meisten Wildschäden bezahlen, Schweden mit seinen wandernden Elchen habe gute Erfahrungen gemacht. Fernziel des Managements wäre der Rothirsch als Sympathieträger, nach dem Vorbild der Bisons in den USA oder der Hirsche im Schweizerischen Nationalpark.

Allerdings kostet die geforderte "Abkehr von der rein nutzungsorientierten Sichtweise" Geld. Berufsjäger, Verwaltung und Überwachung wären zu bezahlen. Viele Revierbesitzer befürchten den Verlust ihrer Privilegien, die Bauern vermehrte Schäden, wenn das Rotwild häufiger aus dem Wald kommt. Darum dürfte es der Hirschreform ähnlich ergehen wie der Gesundheitsreform: prinzipiell erwünscht, praktisch ein Anlass für gruppenzentriertes Dauergezänk.