In Regensburg-Burgweinting ist die Welt noch in Ordnung. Während sich andernorts die Kirchen leeren und manche gar vom Abriss bedroht sind, werden hier neue Kirchen gebaut. Die heimische Automobilindustrie und ihre Zulieferer sorgen dafür, dass immer mehr Menschen in die Region ziehen und sich am Stadtrand von Regensburg ein neues Quartier für viele junge Familien entwickelt. Rund um einen alten Dorfkern wachsen lauter Einfamilienhäuser aus dem ehemals bäuerlich bewirtschafteten Boden, und in der benachbarten Reihenhaussiedlung ist alles vermietet und verkauft. Leer ausgegangene Interessenten werden bereits auf das nächste Bauprojekt vertröstet.

Weil die alte Dorfkirche dem Bevölkerungszustrom nicht mehr gewachsen war, schrieb die Gemeinde von St. Franziskus 1998 einen Wettbewerb für ein neues Pfarrzentrum aus, den die jungen Kölner Architekten Ulrich und Ilse Königs für sich entscheiden konnten. Nach fünf Jahren Bauzeit, unvorhergesehenen Finanzierungslücken und dadurch notwendig gewordenen Kompromissen sowohl bei der Gemeinde als auch bei den Architekten ist das Bauwerk nun fertig gestellt und wird an diesem Samstag feierlich eingeweiht.

Der Bau empfängt die Besucher mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Monumentalität. Die dunkelgrauen Pavillons von Pfarrheim und Pfarrhaus rahmen, zwei Torbauten gleich, den Blick auf den dahinter liegenden Kubus der Kirche: einen monolithischen Block aus Ziegelmauerwerk, das mit einer zartgrünen Schlämmkreide überzogen ist, die dem massigen Bau alles Schwere nimmt. Hier und da von asymmetrisch gesetzten Fensteröffnungen unterbrochen, präsentiert sich das Gotteshaus wie eine abgeschlossene Welt.

Und doch steht es offen: Ein gut fünf Meter hohes Türblatt aus vorpatiniertem grünem Kupfer ist wie ein Schleusentor in den Raum gedreht und signalisiert Zugänglichkeit – und das ganztägig, wenn es nach den Architekten geht. Das Tor selbst wird eingefasst von einem riesigen Glasfenster, das jedoch noch nichts vom Kircheninneren preisgibt. Zu sehen ist nur eine zweite Wand, die sich dem Ankommenden entgegenneigt und eine handgreifliche Ahnung des Raums dahinter vermittelt. Erst für den, der eine goldgelb getönte Glastür durchschreitet, lüftet sich das Geheimnis und es offenbart sich ein Innenraum, der sich nicht stärker von der äußeren Hülle unterscheiden könnte: ein in die Länge gestreckter Zylinder, dessen dynamisch gekurvte Mauern mal kraftvoll nach außen kippen, mal kühn nach innen überkragen. Mehrere große Nischen sind in das massive Rund eingeschnitten, um Platz für Orgel, Chor und weitere Sitzplätze zu machen. Dieser Innenraum hat etwas ungeheuer Körperliches und Direktes. Sein Volumen erscheint wie von innen aus einem massiven Block ausgehöhlt und nicht wie das räumliche Abfallprodukt einer von außen bestimmten geometrischen Setzung.

Auch die Lichtregie folgt dieser von innen her gedachten Architektur: Die Fenster, die außen an der Fassade wie zufällig verteilt wirken, liegen präzise in den Nischen der dicken Wandung des Gebäudes. Doch wie bei barocken Kirchen sieht man nur die Wirkung des Lichts, nicht seine Quelle. Das gilt auch für die Decke des Kirchenraums, der von einer lichtdurchlässigen Teflon-Membran überspannt wird. Bei Dunkelheit, so hat es die Lichtplanerin Annette Hartung vorgesehen, erscheinen mehrere Lichtkegel in subtilen Variationen auf dem textilen Dach, während weitere Scheinwerfer die Außenkontur der elliptischen Form betonen. Tagsüber bildet sich auf der Membran die Lichtlandschaft des Himmels ab, gefiltert durch die wahlweise transparenten, transluzenten und opaken Felder eines Sheddaches. Dieses liegt über der Membran und ist damit unseren Blicken genauso entzogen wie die übrige Technik des Gebäudes. Wie das Schauspiel erzeugt wird, bleibt verborgen; es präsentiert sich nur in seiner Wirkung: Form follows effect.

Diese Abkehr von der schulmeisterlichen Didaktik der funktionalistischen Architektur ist am deutlichsten in der Behandlung des Ziegels umgesetzt. In der modernistischen Ethik der so genannten Materialgerechtigkeit muss man am Material ablesen können, in welcher Funktion es im Bauwerk eingesetzt ist – ob die Ziegel also nur als Wandverkleidung dienen oder zum Beispiel im Mauerverband eine tragende Funktion besitzen. In St. Franziskus dagegen verweigern die Architekten eine klare Auskunft. Größtenteils trägt der Ziegel, doch überall da, wo die Wände zu steil sind, haben Königs sie in Beton realisiert – diesen aber durch Ziegel verkleidet. Wo die Grenze zwischen Tragen und Verkleiden verläuft, bleibt ungesagt. Entscheidend ist vielmehr, dass Innen- und Außenwände aus demselben Material sind, damit der Eindruck eines kompakten Baukörpers entsteht, von innen ausgehöhlt.

Um diesen Effekt tatsächlich hervorzubringen, unterzogen sich die Kirchenbauer einer nahezu sisyphushaften Aufgabe. Was auf den ersten Blick wie eine schlicht hochgemauerte Ziegelwand wirken mag, gleicht in seiner bauliche Konstruktion der Quadratur des Kreises. Denn um ein abgetrepptes Fugenbild zu vermeiden, übernehmen die Ziegel die jeweilige Neigung der Wände. Sie liegen gewissermaßen schräg in der Wand. Nur sieht man das nicht, denn überall dort, wo man eine Wand von der Seite sieht, an den Türlaibungen etwa, verwenden Königs wieder einen horizontal liegenden Ziegel. Der Konflikt zwischen den schräg und gerade liegenden Ziegeln wird nicht zur Schau gestellt, sondern durch extra zugeschnittene Sondersteine aufgehoben.

So verzichtbar es ist, zu zeigen, wie der Bau funktioniert, so wenig wird besonders darauf hingewiesen, aus welcher Zeit er ist. Die Architektur vermeidet klar erkennbare zeitgenössische Materialien und Formen, um ihr Von-heute-Sein darzustellen (da erinnert sie eher an die große Kirchenbaukunst der Nachkriegszeit). Zeitgenössisch ist sie in ihren konzeptuellen Prinzipien: Sie betont die Wirkung des Architektonischen und gibt sich auffällig introvertiert. Beide Prinzipien sind prägend für die Räume der zeitgenössischen Erlebnisgesellschaft mit ihren urbanen Unterhaltungs- und Einkaufszentren. Dieser Zusammenhang ist nicht zufällig, hat doch auch die Kirche selbst immer schon Erlebnisräume geschaffen – allerdings ohne jene Finalität des Konsums, die den heutigen Zelebrationen unserer Alltagswelt mehr oder weniger offenkundig zugrunde liegt. Dieses Abstinenz-Angebot könnte heute wieder auf Nachfrage stoßen, weil es eine durch den Raum vermittelte Erfahrung des Anderen und unserer selbst ermöglicht, für die uns ansonsten langsam die Orte ausgehen.