Sie waren einmal gefüllt mit Cola, Wasser oder Apfelschorle. Dann wurden aus ihnen Jacken und Hemden, Unterhosen und kuschelige Fleece-Pullis, mit denen sich die Deutschen gern vor der Kälte schützen. Wer kürzlich Polyesterkleidung "Made in China" gekauft hat, trägt heute vielleicht genau die alten Plastikflaschen am Leib, die er vor Monaten brav an der Supermarktkasse abgab.

Das Dosenpfand macht’s möglich. Schließlich gilt die Zwangsabgabe nicht nur für Blechbüchsen, sondern auch für die leichten Plastikeinwegflaschen aus PET. Mit denen blüht mittlerweile ein schwungvoller globaler Handel. Geschreddert oder zu Ballen gepresst, gehen die Flaschen auf eine 18520-Kilometer-Kreuzfahrt per Containerschiff. Um Spanien herum führt die Reise, durchs Mittelmeer und durch den Sueskanal, im Bogen an Indien vorbei bis hoch nach Hongkong oder Shanghai. Rund drei Wochen lang ist fast das gesamte deutsche Einwegplastik auf See unterwegs. "Vier von fünf Flaschen werden mittlerweile exportiert, vor allem nach China. Anstatt sie in Deutschland zu neuen Flaschen zu recyceln, werden sie nun um die halbe Welt gefahren, zu Textilien verarbeitet und teilweise sogar wieder zurückgebracht", sagt Sascha Schuh, Geschäftsführer der auf Abfallwirtschaft spezialisierten Beratungsfirma Ascon.

Die gigantische Nachfrage treibt den Preis für recycelte PET-Flaschen hoch. Kosteten sie bis Anfang vergangenen Jahres – also in der pfandfreien Zeit – noch höchstens 100 Euro pro Tonne, sind es inzwischen bis zu 230 Euro. Und der Preis steigt weiter.

Was war geschehen? Bis zur Einführung des Pfands landeten die beliebten Einwegflaschen gelegentlich im Straßengraben, meistens aber im gelben Sack. Das Duale System sammelte sie und ließ das PET zu neuen Flaschen, Blumentöpfen und Schaumstoffen recyceln oder anderweitig verwerten. Damit ist nun Schluss. In der am Montag präsentierten Bilanz des Dualen Systems spielt PET keine Rolle mehr. Insgesamt jedoch kamen rund 330000 Tonnen Abfall weniger beim Dualen System an als noch im Jahr zuvor – vor allem Getränkedosen und alte Plastikflaschen fehlen. Das ist keine Überraschung. Schließlich bringen Verbraucher ihre leeren Flaschen neuerdings zurück in den Supermarkt, anstatt sie in den gelben Sack zu werfen. Den großen Handelsketten beschert dies einen riesigen Berg alter Plastikflaschen. Und sie tun damit, was Kaufleute besonders gut können: Sie machen ihn zu Geld.

Dankbare und zahlungskräftige Abnehmer fanden die Händler in China, bei der weltweit führenden Textilnation. Seit Ende der Neunziger haben sich die chinesischen Kleidungsexporte verdoppelt. 2004 dürften sie einen Wert von ungefähr 60 Milliarden Dollar erreichen. Im nächsten Jahr wird sich diese Summe erneut verdoppeln, schätzen Experten. Dann nämlich fallen die letzten Textilquoten der Welthandelsorganisation WTO, die Chinas Marktmacht über die globalen Kleiderständer bislang noch begrenzen.

In der Textilindustrie ist PET schon seit Jahrzehnten bekannt und beliebt. Zu Granulat zermahlen, getrocknet und erhitzt, lässt es sich problemlos zu Polyesterfasern spinnen. Werden diese mit anderen Stoffen vermischt, halten sie das Gewebe stabil. Weil sie zudem Feuchtigkeit schnell vom Körper transportieren, wird Polyester auch gerne bei Sportbekleidung verwendet. 35 Flaschen ergeben beispielsweise einen Fleece-Pulli der Größe L, der hierzulande schon mal 100 Euro kosten kann. Der Materialwert der dafür nötigen PET-Flaschen beträgt nur etwa 58 Cent.

Der frühere CDU-Umweltminister Klaus Töpfer hat das Dosenpfand seinerzeit erfunden. Sein grüner Amtsnachfolger Jürgen Trittin hat es exekutiert und damit eine interkontinentale Altplastik-Pipeline nach Asien geöffnet. Das Geschäft wurde schnell richtig lukrativ. "Die Chinesen erzielen dadurch eine erhebliche Wertschöpfung", sagt Herbert Snell, Vizepräsident des Bundesverbands Sekundärrohstoffe (BVSE) und Geschäftsführer der Firma Multipet. "Wenn sie für ihre Textilproduktion neues PET statt altem kaufen müssten, würde sie das deutlich mehr kosten." Neues PET ist fast viermal so teuer wie gebrauchtes. Und der Gewinn ist dann besonders hoch, wenn man aus dem preiswerten Plastikmüll Kleidung fertigt – und nicht etwa neue Flaschen. Wie andere Lebensmittelverpackungen auch kann man Getränkeflaschen nur dann auf dem Weltmarkt verkaufen, wenn sie den strengen Hygienevorschriften der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA entsprechen, der mächtigen Food and Drug Administration. Entsprechende Fabriken und deren Überwachung würden die Herstellung allerdings erheblich verteuern. Wird das Altplastik aber zu Pullovern verarbeitet, so ist die Hygiene kein Problem.