Wenn am 23. Mai die Bundesversammlung zum zwölften Mal einen Bundespräsidenten wählt, so erscheint uns dieser Vorgang beinahe als eine selbstverständliche Routine. Wenn wir aber einige Generationen zurückdenken, dann ist diese Routine tatsächlich erstaunlich. Denn die letzten beiden Jahrhunderte umschließen einen höchst turbulenten Abschnitt der deutschen Geschichte; in seiner enormen Variationsbreite ist er höchstens der gleichzeitigen Geschichte der beiden Großstaaten Russland und China vergleichbar. Bei uns kam es zum Aufstieg von einer absolutistisch, aber zerklüftet regierten Agrargesellschaft zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, gleichzeitig aber zu Staatsneugründungen, zu Demokratiefehlschlägen von 1848 bis 1933, zu Kulturkampf und Sozialistengesetz, zu totalen Zusammenbrüchen und zu Staatsumgründungen. Unser politisches Führungspersonal reichte von den preußischen Reformern über Bismarck und Bebel bis zu Wilhelm II. und zum Verbrecher Hitler.

Danach, nunmehr seit 55 Jahren, kam der kontinuierliche Aufbau einer modernen Ordnung, mit allen Rechten und Freiheiten der Bürger unter einer funktionierenden parlamentarischen Verfassung – und dazu die ebenso kontinuierliche Einfügung in die sich entfaltende Gemeinschaft der europäischen Völker und Staaten. Insgesamt eine große gemeinsame Leistung, die 1949 kaum einer der damals erwachsenen Deutschen sich vorgestellt hat. Sie ist der großen Mehrheit des vereinigten Volkes zu danken, auch vielen Einzelnen, auch vielen unter unseren Nachbarn und ehemaligen Kriegsgegnern.

Zu den herausragenden Einzelnen gehören die acht bisherigen Bundespräsidenten, von Theodor Heuß bis zu Johannes Rau. Sie kamen alle aus den politischen Parteien; aber sie alle – ob Christliche Demokraten, Liberale oder Sozialdemokraten – haben vermocht, sich als Staatsoberhaupt über die inneren und äußeren, die geistigen und politischen Grenzen ihrer Partei zu erheben. Sie alle haben gewusst: Ich bin nicht der Repräsentant meiner Partei, sondern ich bin der Zukunft des ganzen Volkes verantwortlich. So haben sie auch tatsächlich gehandelt.

Ich habe alle bisherigen Amtsinhaber persönlich gekannt. Ich habe miterlebt, wie ein Bundespräsident in jenen seltenen Fällen, in denen allein er – und nicht der Bundeskanzler oder das Parlament – eine wichtige politische Entscheidung zu treffen hat, sich damit im Gewissen plagen muss. So hatte Karl Carstens über die Auflösung des Bundestages in einer Situation zu entscheiden, für die es kein Präjudiz gab. Mehrfach hatten Bundespräsidenten Gesetze auszufertigen und zu verkünden, über deren Verfassungsmäßigkeit sie zunächst Zweifel ausräumen mussten. Mehrfach hatten sie über heikle Begnadigungen zu entscheiden, so beispielsweise im Falle rechtskräftig verurteilter deutscher Terroristen. Ansonsten gilt die Regel des Artikels 58 Grundgesetz, wonach Anordnungen und Verfügungen des Bundespräsidenten der Gegenzeichnung durch die Regierung bedürfen.

Das Gewicht der Arbeit der Bundespräsidenten liegt aber weder bei ihren formalen Akten noch bei der völkerrechtlichen Vertretung Deutschlands nach außen. Sondern es liegt vor allem darin, durch ihre Person und durch ihre öffentliche Rede unserem Volk geistige Orientierung und seelische Kraft zu geben. Richard von Weizsäckers Rede zum Jahrestag der Kapitulation, Roman Herzogs Adlon-Rede oder auch nur der eine Satz Gustav Heinemanns, er liebe nicht den Staat, sondern seine Frau, und Johannes Rau, als er jüngst über den Antisemitismus sprach, waren dafür herausragende Beispiele.

In Gesine Schwan und Horst Köhler stehen diesmal zwei Personen zur Wahl, deren Lebensläufe Gewähr dafür bieten, dass sie ihr Amt abermals als oberster Diener des ganzen Staates ausüben. Ich kenne beide seit langem und schätze sie. Beide sind mit gut 60 Jahren im richtigen Alter. Beide sind politisch engagierte Menschen, beide haben aber keine parteipolitische Karriere hinter sich. Beiden eignet eine hohe Unabhängigkeit des eigenen Urteils. Beide waren dem breiten Publikum bisher wenig bekannt – was in meinen Augen kein Fehler ist, bei den Kandidaten Heuß, Lübke und Herzog war es nicht anders.

Gesine Schwan ist Professorin der Gesellschaftswissenschaften und der Politologie. Sie war Dekanin an der Freien Universität Berlin, sie war in Washington, in New York und Cambridge tätig, sie hat erhebliche Auslandserfahrung. Seit vielen Jahren hat sie für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen gearbeitet. Heute ist sie seit 1999 die hoch geachtete Rektorin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Horst Köhler kommt gleichfalls aus dem öffentlichen Dienst; er war in Bonn zuletzt Staatssekretär im Finanzministerium, ehe er für einige Jahre als Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes arbeitete. 1998 ging er zur Europäischen Bank für Wiederaufbau in London, seit vier Jahren war er der Geschäftsführende Direktor des Weltwährungsfonds (IMF). Er ist ein herausragender Ökonom mit erheblicher internationaler Erfahrung.