Reformwut ereilt die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme. Der Klassiksender NDR Kultur hatte sich bereits im vergangenen Jahr der neuen "Durchhörbarkeit" verpflichtet. Seit seiner Programmreform Anfang 2003 spielt er von vielen Kompositionen nur noch einzelne Sätze. Dafür sind die schmissigen Stücke jetzt öfter zu hören. Vermeintlich im Sinne der Höreranbindung erdacht, gefällt das neue Programm dem Publikum aber gar nicht, die Hörerzahlen sind leicht zurückgegangen. Nun hat die Hamburger Telemann-Gesellschaft für Kulturgeschichte eine Resolution gegen die Neuerungen bei NDR Kultur verabschiedet. Sie fordert zwischen 6 und 19 Uhr mindestens vier Stunden lang vollständig gespielte Kompositionen mit An- und Absage von Komponist, Tonart und Interpret - und sie wehrt sich gegen Unterbrechung der Musik durch Beiträge, Werbung oder Jingles. "Wir sind nicht damit einverstanden, dass Klassische Musik einem auf Show ausgerichteten Kulturbetrieb untergeordnet wird." An seinen Bildungsauftrag müsste auch der Hessische Rundfunk wieder einmal erinnert werden. Der HR1 will sich nämlich - der FAZ zufolge - von seinem renommierten Musikjournal SchwarzWeiß trennen, und Der Tag, eine Sendung mit Hintergrundberichten zur Tagespolitik, soll seinen Wortanteil drastisch reduzieren. Wenn es dazu käme, wäre auch beim seriösen HR1 der Weg frei für ein musikalisches Fließprogramm mit Reportage-Einsprengseln. Wohin das führt, hat man bei anderen Sendern bereits gesehen: Driftet ein Kulturprogramm erst ins Edutainment-Geplansche ab, werden auch die Berichte wahlloser, farblose Beiträge können überall untergebracht und mehrfach wiederholt werden. Dafür braucht man dann nicht mehr so viele Redakteure, die auf Fachgebiete spezialisiert sind. In Deutschland wird allenthalben die Bildungsmisere beklagt. Obwohl die Öffentlich-Rechtlichen immer mehr Gebühren einfordern, wollen sie offenbar immer weniger davon ausgeben, um den staatlichen Bildungsauftrag zu erfüllen.