"Es war nur so / dass wir uns nicht kannten / und jeder darstellte / was der andere wünschte / dass wir wären / So kam es / dass wir Jahre verloren / indem wir taten / als würden wir uns lieben / Das gibt es, Frau Valdéz / das passiert in den besten Familien / die aus Worten bestehen / dass man an Gespenster glaubt."Raúl Rivero

Der Dichter und seine Frauen. Was haben sie ihn beflügelt. Was hat er ihnen Reime auf den Leib geschrieben. Was waren sie sein Brot, sein Zuckerschlecken, sein Seelenfutter. Und jetzt hockt er im Gefängnis, der Dichter. Ungeachtet seiner Warnungen, die er hellsichtig zu Papier gebracht hat, denn der Poet ist immer auch ein Prophet. "Wenn ein Dichter sich plötzlich als gefährlich entpuppt für das Land, in dem er lebt, sollte man ihn nicht ins Gefängnis stecken. Eine vernünftige Regierung überprüfte besser das Strafgesetz." So hat der Dichter geschrieben, aber leider ließ die Regierung das Gebot der Klugheit beiseite, gab ihm 20 Jahre, am 18. April 2003, Raúl Rivero, Canaleta, kubanisches Staatsgefängnis Ciego de Avila.

Aber jetzt stehen seine Musen von den Worten auf. Sind Wesen aus Fleisch und Blut, stärker als jede gedruckte Zeile, giftiger als jeder verrutschte Reim. Den Dichter steckte er ins Gefängnis, der Genosse Fidel Castro. Aber wird er den Zorn der Frauen überleben?

Blanca Reyes, die Ehefrau. Claudia Marquez, die Schülerin. Eine schäbige Wohnung im heruntergekommenen Zentrum Havannas. Konspiratives Treffen. Die Frauen, die eine älter, die andere jünger, erfrischt von einem kleinen Erfolg: Sie haben die Bewacher der Staatssicherheit abgeschüttelt.

Die Ehefrau, Blanca Reyes, hat einen Brief dabei, den ihr Mann aus dem Gefängnis geschickt hat. Liest vor. "Es ist jetzt neun Uhr abends, und ich möchte Dir mitteilen, dass es mir gesundheitlich gut geht. Es ist alles wie immer, aber ich bin optimistisch und sehr gelassen, ruhig und ernst. Es ist wie damals, als ich aufhörte zu saufen. Eine übernatürliche Kraft steht mir bei und gibt mir Klarheit und inneren Frieden. Ich lese und schreibe. Habe abgenommen, aber lasse mich nicht entmutigen."

Nur alle drei Monate darf Blanca Reyes ihren Mann im Gefängnis besuchen. Er hat, berichtet sie, 40 Kilo abgenommen in acht Monaten. Seine Haare sind weiß geworden. Die Gefängnisverwaltung erlaubt ihm zu schreiben. Aber nichts Politisches. Jetzt schreibt der Dichter, der sich so leicht verliebte, Gedichte an seine Lieben und Exlieben.

"Warum, Adelaida, muss ich / in diesem Urwald sterben / wo ich selber / die Ungeheuer fütterte / wo ich meine eigene Stimme vernehme / im schaurigen Geschrei der Straße / Weshalb hier / wo wir uns Bäume wünschten und Schlingpflanzen trieben / wo wir Flüsse erträumten und krank in einem Sumpf aufwachten."