"Weiß wie ein Blatt" habe Donald Rumsfeld diese Woche ausgesehen, sagte ein Angestellter des Verteidigungsministeriums. Kurz darauf dementierte der Sprecher des Pentagon-Chefs diese Beschreibung. Rumsfeld sei "sehr konzentriert" und "sehr dickhäutig". Dennoch zeigte der erfahrene 71-Jährige, der bereits unter Präsident Reagan und Gerald Ford diente, dass er sich sorgte: Anstatt am Donnerstag wie geplant eine Rede in Philadelphia zu halten, schickte Rumsfeld seinen Vertreter. Und er frühstückte mit Republikanern aus dem Streitkräfteausschuss des Senats.Etwa 24 Stunden später saßen ihm eben diese Republikaner nicht mehr am Frühstückstisch gegenüber, sondern auf einer Erhöhung und hinter einem langen, gewölbten Holzpult im Senatsgebäude. Hier befragten sie ihn am Freitagmittag zu den Misshandlungen irakischer Kriegsgefangener durch US Soldaten. Am vergangenen Mittwoch hatte der Fernsehsender CBS die Bilder der schrecklichen Quälereien gezeigt, eine Woche später hatte sich Bush bei den Opfern entschuldigt. Die Anhörung des Verteidigungsministers dauerte knapp drei Stunden, war unter Eid und öffentlich. Ihr Ziel: Aufzuklären, wie die Kriegsverbrechen geschehen konnten, und Verantwortliche dafür zu finden. Schon nach zwei Sätzen nahm Rumsfeld einen großen Teil der Schuld auf sich und sagte ungefragt: "Diese Geschehnisse ereigneten sich unter meiner Aufsicht. Als Verteidigungsminister bin ich dafür rechenschaftspflichtig. Ich übernehme die volle Verantwortung."Dieses Eingeständnis verdeutlicht den Druck, unter dem Rumsfeld steht. Seitdem die abscheulichen Bilder auf den Titelseiten der Zeitungen gedruckt und ständig auf den Fernsehsendern zu sehen sind, muss sich der Verteidigungsminister jeden Tag neue, unangenehme Fragen stellen lassen. Was wusste er über die Qualen, die irakische Gefangene im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib erlitten? Wann hatte er davon erfahren? Und weshalb hatte er den Kongress erst informiert, nachdem das Fernsehen die schrecklichen Bilder ausstrahlte? Rumsfeld gab zu, er habe es versäumt, den Kongress und auch den Präsidenten rechtzeitig zu informieren. Er selbst hatte seit Mitte Januar vom Verdacht der Misshandlungen gewusst und Anfang Februar den Präsidenten benachrichtigt. Damals sei das Problem allerdings "eindimensional" gewesen, er habe nicht den "lebendigen Eindruck" der Bilder besessen. Gegenüber dem Kongress verlor er auch während eines Treffens wenige Stunden vor der Veröffentlichung der Bilder durch CBS keinen Satz über die Misshandlungen.Am Mittwoch rügte Bush seinen Minister persönlich während eines Treffens im Oval Office. Danach ließ er zum ersten Mal zu, dass seine Ermahnungen an ein führendes Regierungsmitglied öffentlich wurden – was zeigt, unter welchem Druck der Präsident selbst durch die Misshandlungen steht. Bis Freitagmorgen forderten führende Demokraten wie John Kerry, Senator Tom Harkin und Oppositionsführerin Nancy Pelosi, dass Rumsfeld zurücktrete. Auch in der New York Times war diese Forderung zu lesen. In seiner Anhörung sagte Rumsfeld dazu, er werde nicht abdanken. Denn er glaube, er könne seine Arbeit weiter effektiv ausüben. Als ihn aber nach zweieinhalb Stunden Senator Evan Bayh erneut darauf ansprach und fragte, ob sein Rücktritt dabei helfen könnte, den Schaden am Ruf der USA zu reduzieren, antwortete Rumsfeld nach einer Pause: "Das ist möglich."Die Aufmerksamkeit, die die Anhörung zu den Misshandlungen auf sich zieht, schadet nicht nur dem Ruf der USA, sondern auch der Integrität der Bush-Administration. Gerade Rumsfeld hatte den Feldzug im Irak von Anfang an unterstützt und damit die Außenpolitik des Präsidenten gestärkt. Bis heute gilt er in den US-Medien als Architekt des Irakkrieges. Dass ausgerechnet er nun mit Forderungen konfrontiert ist, sein Amt aufzugeben, bedeutet auch für Bush einen schweren Rückschlag.Die Forderungen nach dem Rücktritt demonstrieren außerdem, wie sich die Rolle des Verteidigungsministers mit der zunehmenden Kritik am Irakkrieg transformiert hat. Heute kann Rumsfeld dem Präsidenten kaum noch dabei helfen, den Ruf seiner Irakpolitik zu stärken. Stattdessen versucht er, den Schaden zu minimalisieren und schützt Bush vor zusätzlichen Anschuldigungen, indem er Schuld auf sich nimmt. Damit verweist er auch auf die defensive Lage des Präsidenten. Als die Senatoren ihn während der Anhörung fragten, was genau er Bush über die Misshandlungen gesagt habe, antwortete Rumsfeld: "Wenn jemand einen Fehler gemacht hat, dann bin ich es." Rumsfeld rechtfertigte seine Fehler dadurch, dass er unzureichend informiert gewesen sei.Die Rechtfertigung spiegelt eines der größten Probleme der Bush-Administration wider: Wissenslücken. Seit Monaten bedrängt den Präsidenten bereits die Frage, was er über die Anschläge vom 11. September 2001 wusste und ob er sie hätte verhindern können. Die Ermittlungen einer Untersuchungskommission ergaben, dass es Defizite im Informationsaustausch zwischen CIA und FBI gegeben habe. Nun sind diese Defizite auch im Militär und schließlich im engsten Kreis der Bush-Berater öffentlich geworden. Damit erleidet das Vertrauen in die Regierung wieder Schaden. Zusätzlich musste Rumsfeld den Senatoren in seiner Anhörung ankündigen, dass er in den kommenden Wochen neue Videoaufnahmen und Fotos von Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten erwarte. Damit wird sich der Handlungsdruck auf den Präsidenten und seinen Verteidigungsminister weiter verstärken.