Drei Frauen, drei Generationen, drei Gläser Limonade und ein großes Stück Kuchen – eine Familie, ein Land, eine Welt am Kaffeehaustisch in Tbilissi. Alles wird erzählt, ohne dass auch nur ein Satz fällt. Man muss sehr vertraut mit seinen Figuren sein, wenn man sie so schweigsam in die erste Szene schicken kann.

Julie Bertuccellis Spielfilmdebüt Seit Otar fort ist zeigt wieder einmal, dass man eigentlich schon nach einer Einstellung weiß, ob man in einem guten Film sitzt oder nicht. In der Eröffnung klingen bereits alle Themen an, wird mit wenigen Blicken und Gesten das angespannte Verhältnis zwischen Mutter, Tochter und Enkelin skizziert. Wie ein altes Familienmitglied hat sich die Kamera an den Tisch gesellt, erzählt mit ironisch-zärtlichem Blick von den Vorlieben und Eigenarten der lieben Verwandten. Ungeduldig reißt die Großmutter Eka der Enkelin den umgefallenen Krückstock aus der Hand, lässt sich das Ruder noch lange nicht aus der Hand nehmen. In aller Ruhe genießt die alte Dame ihren Kuchen, sorgfältig faltet ihre Tochter eine unbenutzte Papierserviette wieder zusammen. Kleine Gesten, Zeichen, die wie auch der karg ausgestattete Kaffeehausraum auf ein Leben jenseits der Konsumroutine verweisen. Ganz undramatisch erzählt dieser Film vom Überlebenskampf in der georgischen Hauptstadt, zeigt Heldinnen, die sich nicht kleinkriegen lassen, weil sie mit Nippesverkäufen, Verschuldungsakrobatik und Birnen von der Datscha immer wieder aufs Neue den Alltag überlisten.

In der ersten Einstellung ist kein Mann zugegen, auch dies beschreibt den Zustand eines Landes, das schon lange nicht mehr bei sich selbst ist. Die Herren sind auf der Flucht, wie seit Jahrzehnten. Früher, zu Stalins Zeiten, vergruben sie sich wie Ekas Gatte in der französischen Literatur. Der Ehemann der Tochter ist in Afghanistan gefallen, und die jungen Freunde der halbwüchsigen Enkelin sind auf dem Sprung in den Westen. Auch Ekas geliebter Sohn Otar ist längst fort, um sein Glück in Paris zu finden.

Indessen gehen zu Hause im Drei-Frauen-Haushalt die Zeit- und Lebenslinien durcheinander. Ewa wenn drei Generationen gleichzeitig die Tonspur für sich in Anspruch nehmen: mit dem Fernseher die Alte, den georgischen Liedern die Tochter und dem Cassetten-Pop die Enkelin. Für andächtige Eintracht sorgen allein Otars Briefe, mit Geld gespickte Botschaften aus der anderen Welt, von der Jüngsten in lupenreinem Französisch verlesen, von der Großmutter wie kaiserliche Depeschen gehortet. Dezent verweist der Film auf unser eigentlich doch komfortables Dasein und unseren Umgang mit Fremden, die wie Otar trotz medizinischer Ausbildung nur anonym die billige Drecksarbeit machen. Nur ganz leise, zwischen den Briefzeilen offenbart sich seine armselige Existenz, die für die Daheimgebliebenen dennoch letzter Halt ist. Dass der Schreiber kürzlich verstorben ist, die Briefe frei erfunden und Ausdruck einer zutiefst humanen Lüge sind, gehört zu den schönen traurigen Schattierungen dieses wunderbaren Films.

Ohnehin schützt die heiter-gelassene Grundhaltung immer wieder vor allzu viel Melancholie. Während man mit den Nachbarn Sorgen und trockene Würstchen austauscht, ertönen von draußen Vogelzwitschern und Grillenzirpen. Einmal unternimmt die fein herausgeputzte Großmutter einen kleinen Ausflug zum Jahrmarkt, ein Ausbruch aus dem Familienkäfig, man gönnt sich ja sonst nichts. Wie eine uralte Schildkröte sitzt sie dann im Riesenrad und pafft. Rauchwölkchen ziehen in den blauen Himmel. Selten war jemand im Kino so mit sich und allem eins.