Kommt Franz Alt als Gastredner, ist der Weltuntergang nicht weit. „An einem Tag verbrauchen wir so viel Kohle, Gas und Öl, wie die Natur an 500000 Tagen geschaffen hat“, predigt der ergraute Ökochrist im Intercity-Hotel Bremen. „Jetzt haben wir die Wahl: Krieg um Öl oder Frieden durch Sonne.“ Wobei sich die hundert Zuhörer unter „Sonne“ jetzt bitte „Wind“ vorstellen mögen. Denn Alt spricht auf Einladung von Energiekontor. 120 Millionen Euro hat die Aktiengesellschaft bei deutschen Privatanlegern gesammelt und mit zusätzlichen Krediten 57 Windparks gebaut. Doch seit einigen Monaten stockt der Kapitalfluss. Franz Alt soll das grüne Gewissen der Investoren wiedererwecken.

Die Wachstumsmaschine Windenergie hat Sand im Getriebe. Die besten Standorte zu Land sind vergeben – knapp 7500 Windräder drehen sich in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Schleswig-Holstein produziert im Mittel knapp 30 Prozent seines Stroms aus Wind und will keine neuen Flächen mehr zur Verfügung stellen. Der Ersatz älterer Windräder durch moderne Anlagen – das so genannte Repowering – kommt nur langsam in Gang. Und so ist erstmals seit 1995 im vergangenen Jahr die Gesamtleistung der neu installierten Windräder gesunken – um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Stimmung kippt. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte am vergangenen Freitag eine Änderung des Städtebaurechts, um den „Wildwuchs bei Windenergieanlagen“ zu verhindern. Die Aktien der Windfreunde dümpeln auf historischen Tiefstständen. Der Bundestag kürzte gerade die Windstromvergütung. Der Spiegel titelte gegen den „Windmühlen-Wahn“, und selbst die Natur macht Zicken: Seit drei Jahren bläst der Wind schwächer als früher.

Der Kölner Dom mit Riesenrad

Der Branche bleibt nur ein Ausweg: raus aufs Meer. 40 Kilometer vor der Küste sollen gigantische Offshore-Windparks Strom erzeugen und diesen durch oberschenkeldicke Kabel zur Küste schicken. Auf der Nordsee gibt es genug Wind für alle. Doch das Meer ist gefährlich, die Technik voller Tücken und die deutsche Bürokratie gnadenlos. Auf See, wo die Schweinswale turteln und die Seetaucher nach Heringen spähen, werden die deutschen Windmüller das Geschäft ihres Lebens machen – oder untergehen.

Die Bundesregierung träumt von 25000 Megawatt installierter Offshore-Leistung bis 2030. Das entspricht 20 Kernkraftwerken. Ohne Superlative kann das nicht gelingen. Also planen die Ingenieure die größten Windräder der Welt. Sie sind hoch wie der Kölner Dom, mit Fahrstuhl im Turm und Hubschrauber-Abseilplattform auf dem Gehäuse. Dank Umweltschützern und Kurdirektoren werden sie nicht in Küstennähe stehen wie in Dänemark, sondern so weit draußen wie nirgendwo sonst. Dank deutscher Behörden dauert die Genehmigung eine Ewigkeit (siehe Grafik Seite 30).

Der Wind bläst auf der Nordsee fast doppelt so stark wie im Binnenland und verspricht nach den Grundregeln der Physik achtmal so viel Energie und entsprechende Einnahmen. Doch die Gefahren sind groß. Im Herbst und Frühjahr türmen sich die Nordseewellen bis zu 20 Meter hoch, im Winter kratzen in der Ostsee die Eisschollen an den Türmen, und ganzjährig ätzt salzige, feuchte Meeresluft am Getriebe. Fällt eine Mühle bei Schlechtwetter aus, ist sie womöglich wochenlang nicht erreichbar. Das kann den Gewinn zunichte machen und die Betreiber in den Bankrott führen.