Kreuzzüge für die Menschenrechte waren immer schon heikle Unternehmen. Als die Truppen der Französischen Revolution 1792 an den Rhein aufbrachen, um Deutschland die Freiheit zu bringen, warnte Maximilien Robespierre seine Landsleute: "Niemand liebt die bewaffneten Missionare!" Die Invasion werde eher die Angst vor einer Eroberung der Pfalz schüren "und die Erinnerung an die letzten Kriege erwecken, als konstitutionelle Ideen hervorsprießen lassen, da die Masse des Volkes dort besser diese Tatsachen kennt, als unsere Verfassung".

Diese Tatsachen – Robespierre spielte damit auf ein besonders düsteres Kapitel der französischen Geschichte an: auf die Verwüstung der südlichen Rheinlande, vor allem der Pfalz, durch die Truppen Ludwigs XIV. während des Pfälzischen Erbfolgekrieges fast genau 100 Jahre zuvor, von 1688 bis 1697. Diese dunkle Zeit hatte sich den Menschen im Südwesten des Reiches tief eingeprägt. Verbunden ist sie vor allem mit einem Namen, der zum Schreckensruf wurde: Mélac. Der General des Sonnenkönigs galt als der Mordbrenner schlechthin, wurde zum Monster dämonisiert, ja zum Paten der deutsch-französischen Erbfeindschaft.

Wer es heute unternimmt, sich diesem zweifellos bizarren Charakter zu nähern, stößt auf Schwierigkeiten. Denn entscheidende Quellen fehlen: Die Personalakte im nationalen Militärarchiv von Vincennes ging seltsamerweise verloren, ebenso Mélacs Familienarchiv.

Schon das Geburtsdatum liegt im Dunkeln. Um 1630 kommt Ezéchiel du Mas, Comte de Mélac, in Saint-Radegonde, 15 Kilometer südöstlich von Libourne im heutigen Département Gironde, auf die Welt. Über seine Jugend ist nichts bekannt. Fest steht, dass er sehr jung zum Militär geht. 1664 finden wir ihn als Leutnant eines Kavallerieregiments in Portugal, wo er zwei Jahre später eine eigene Kompanie bekommt. 1672, zu Beginn des französisch-niederländischen Krieges, dient Mélac in Flandern, nimmt an allen Belagerungen teil und wird 1675 zum maître de camp de cavalerie befördert. Schon hier, in diesem Feldzug, da sich die Niederländer verbissen und erfolgreich gegen die Invasoren wehren, zeigt sich Mélac als gnadenloser Krieger. "Bei Tagesbeginn", schreibt er in einem Brief an seinen Vorgesetzten, "drangen wir in das Dorf ein […]. Es wurde vollständig geplündert und fast gänzlich niedergebrannt. Wir legten das Feuer am Dorfausgang und zogen uns dann nach und nach zurück." Vier Jahre muss Mélac auf seine nächste Beförderung zum brigadier warten. Er wird Gouverneur von Schleiden, 40 Kilometer südöstlich von Aachen. Im Februar/März 1686 finden wir ihn in der Armee des Marschalls Catinat in Savoyen. Anfang April 1688 kommt der Marschbefehl zur Rheinarmee, wo Mélac dem Kommando von Marschall Jacques-Henri de Duras unterstellt wird. Im selben Jahr noch heiratet der inzwischen 58-Jährige Duras’ Tochter Jeanne, 1691 allerdings ist er bereits Witwer.

Der Pfälzische Krieg hat begonnen. 1685 war das Haus Pfalz-Simmern mit dem Tode des kinderlos gebliebenen Pfalzgrafen Karl erloschen. Das Ende dieser Seitenlinie wäre keine Notiz wert, wenn Karl nicht der Bruder der Lieselotte von der Pfalz gewesen wäre, die wiederum mit dem Bruder Ludwigs XIV. verheiratet war und am Hofe des Königs lebte. Obwohl sie auf ihr Erbe verzichtet hatte, erhob Ludwig in ihrem Namen seine Ansprüche. Zunächst noch, immerhin drei Jahre lang, überließ der König der Diplomatie das Wort, dann sprachen die Waffen.

Bis heute ist ungewiss, ob Ludwig oder sein Kriegsminister, der Marquis de Louvois, die treibende Kraft war. Im September 1688 schlagen die Truppen los und marschieren in die Pfalz ein – ohne förmliche Kriegserklärung. Darüber hinaus dringen sie ins Rechtsrheinische vor, Heilbronn und Heidelberg werden erobert, Philippsburg, die einzige deutsche Festung am Oberrhein, fällt am 30. Oktober, Mannheim kapituliert am 10. November.

Als Untergebener des Kommandanten von Heilbronn, Joseph de Montclar, unternimmt Mélac Züge in die nähere Umgebung und sogar bis in die 120 Kilometer weit entfernte Reichsstadt Donauwörth. Die Verwüstungen, die er anrichtet, hinterlassen unübersehbare Spuren. Marbach und Schorndorf sind weitere Stationen. Zum Jahreswechsel 1688/1689, als die französischen Truppen Württemberg wieder räumen müssen, taucht Mélac in Heidelberg auf, zieht die Bergstraße entlang und ins Neckartal, die dortigen Ortschaften, darunter Ladenburg, in Schutt und Asche legend.

"So brenn nun in der Höll mit Leib, Seel, Haut und Haar"

Auf Befehl von Louvois beginnen die Franzosen unter dem Comte de Tessé und Mélac in Heidelberg am 16.Februar mit der Sprengung des Schlosses, am 2.März wird die Stadt in Brand gesteckt, doch gelingt es den Bürgern noch, die Feuer zu löschen. Die Schlossruine (1764 durch Blitzschlag weiter zerstört) wird später von den Romantikern entdeckt und verklärt und zählt heute – wunderliche Volte der Geschichte – neben dem Kölner Dom, dem Brandenburger Tor und Neuschwanstein zu Deutschlands Wahrzeichen.

Am 8. März 1689 ist, wiederum auf Befehl von Kriegsminister Louvois, Mannheim an der Reihe. Hier, am strategisch wichtigen Zusammenfluss von Rhein und Neckar, versucht das französische Militär mit Montclar und Tessé an der Spitze, alles Leben systematisch auszulöschen und den vertriebenen Bewohnern jede Rückkehr unmöglich zu machen. Zu ihnen gehören viele Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die in dem liberalen Kurfürstentum Asyl gefunden haben (siehe ZEIT Nr. 6/02: Das Mannheimer Experiment ). Sie ziehen nun weiter, etliche von ihnen nach Brandenburg.

Es ist Louvois, der im Namen des Königs befiehlt, und es ist nicht nur Mélac, der gehorcht. Doch er gehorcht besonders bedenkenlos. So ist es am Ende allein sein Name, der zum Inbegriff einer neuen Strategie der planmäßigen Zerstörung wird. Dass die Franzosen nur Prinzipien einer Kriegsführung anwenden, wie sie zuerst der kaiserliche Generalleutnant und österreichische Feldmarschall Raimond von Montecuccoli formuliert hat, wird den drangsalierten Bewohnern kaum bekannt und herzlich egal gewesen sein. Ein zeitgenössischer Autor mit dem Pseudonym Themistius Aristonicus zeichnet 1689 das Schreckensbild Mélacs, wie es sich bei seinen Opfern eingebrannt hat: "Obrister Mélac […] als ein rechter tyrannischer Wüterich und Unmensch […] hat auf allen Dörfern um Heidelberg alles so kahl wegbrennen lassen, daß nicht ein Schweinstall auf allen Dörfern stehen blieben. Es sind bei solcher mehr als türkischer Mordbrennerei viele Kinder, so nicht bald errettet worden, jämmerlich mitverbrannt worden. Es sind viele unter dieses […] Obristen Leute gefunden worden, welche vor solches unmenschliches brennen selbst ein Abscheu gehabt und nicht haben brennen wollen, davon dieser Tyrann unterschieden selbst ins Feur gestossen, theils auch gar erschossen. Wie nun alles zu Stumpf und Stiel verbrandt, ist er mit grossem Jauchtzen wieder nach Heidelberg kommen. Man könnte aber diesem Mordbrenner kein besseres Epithaphium setzen, als welches dem la Brosse im vorigen Kriege war nachgesetzt, welcher in der Pfaltz auch so gewütet und endlich lebendig selbst verbrandt worden: ,Weil brennen deine Lust im gantzen Leben war, so brenn nun in der Höll mit Leib, Seel, Haut und Haar.‘"

Berüchtigt sind auch Mélacs Hunde. "Allezeit, wenn er spatzieren geritten", notiert 1739 Zedlers Universallexikon, hatte er "eine große Anzahl grimmiger Hunde um sich herum" und ließ "eine besondere Freude von sich mercken, wenn selbige die Leute anfielen…"

Wie weit Mélac, der 1690 zum maréchal de camp befördert wird, persönlich an den weiteren großflächigen Zerstörungen des Jahres 1689 beteiligt ist, bleibt im Dunkeln. Frankenthal, Worms, Speyer und zahlreiche Dörfer im Linksrheinischen werden in Brand gesetzt. Im Rechtsrheinischen trifft es Bretten, Maulbronn, Pforzheim, Baden-Baden und viele andere Orte mehr. In Esslingen ist die Beteiligung Mélacs verbürgt. Hier nämlich wird er selber zum Täter: Er vergewaltigt eine junge Pfarrerstochter und steht in nichts seinen Soldaten nach, die, oft genug vom Wein berauscht, ihre Opfer in jeder Art und Weise drangsalieren und quälen.

Unklar ist auch bis heute, ob hinter all diesem Terror von Anfang an ein klar definierter Kriegsplan stand. Was als lokaler Angriffskrieg gegen die Kurpfalz begonnen hat, entwickelt sich zu einem gesamteuropäischen Konflikt, in dem sich eine starke antifranzösische Koalition der deutschen Reichsstände mit England und Spanien bildet; Frankreich gerät rasch in die Defensive. Jetzt geht es Ludwig und seinen Kriegsherren vor allem darum, am Rhein eine wüste Fläche zu schaffen, die es den vorrückenden Feinden unmöglich machen soll, sich aus dem Land zu verproviantieren.

Am Ende bringt der Frieden von Rijswijk 1697 Frankreich einige territoriale Gewinne. Vertraglich abgesichert, kann LudwigXIV. Straßburg, das Elsass und vor allem Landau behalten. In ebendieser strategisch wichtigen Festung residiert seit dem Frühjahr 1693, zum Generalleutnant befördert, Mélac. Von hier aus hat er weiter die Nachbarschaft terrorisiert, bis nach Rheinhessen und Württemberg hinein. Insbesondere ist er im Mai 1693 an der zweiten und endgültigen Zerstörung der kurpfälzischen Hauptstadt Heidelberg beteiligt.

Sein Amt als Festungskommandant nimmt der Militär sehr ernst. Zu ernst für den Hof, den er mit Rechenschaftsberichten, Kommentaren, Vorschlägen und Kritik überhäuft und nervt. Rücksichtnahme auf höfische Gepflogenheiten ist Mélacs Sache nicht. Auch vor den großen Zeitgenossen wie dem Architekten Sébastien le Prestre de Vauban, dem Erbauer der Festung, zeigt er keinen Respekt. Dabei bringt er nicht nur kleinliche Kritik an, sondern durchaus sachkundige und detaillierte Verbesserungsvorschläge. Sie sind nicht gern gesehen und kommen am Hof im wahrsten Sinn des Wortes immer seltener an. Die Briefe werden abgefangen und zensiert oder gleich ganz gefälscht. Seine wenigen Gönner warnen ihn – vergebens. Mélacs Brutalität bricht immer wieder durch. Als er sechs Prostituierte zwei Tage lang nackt auf dem Landauer Marktplatz zur Schau stellen lässt und sie dann aus der Stadt jagt, handelt er sich eine königliche Abmahnung ein.

Mit Mélac gegen den Vertrag von Versailles

1702, inzwischen hat er schon sein Testament gemacht, muss er sich in einer neuen Situation bewähren. Der nächste Erbfolgekrieg, der Spanische, hat begonnen, und Markgraf Max von Baden belagert Landau. Vier Monate hält Mélac durch, in Erwartung eines Entlastungsangriffs aus dem Elsass, immer wieder zur Gegenattacke übergehend. Um die Soldaten bei der Stange zu halten, lässt der General sein eigenes Gold- und Silbergeschirr platt walzen, in Stücke schneiden und zu Münzen prägen, so genannte Klippen.

Doch es hilft alles nichts. Im September muss Mélac kapitulieren. Inzwischen ist der erst 24jährige König Joseph, der spätere Kaiser Joseph I., eigens aus Wien angereist. Seine Anwesenheit zeigt, wie bedeutsam allen im Reich der Fall von Vaubans Festung erscheint, einer der modernsten Anlagen Europas. Ehrenvoll darf Mélac die Stadt mit seiner marschfähigen Garnison, den Leichtverwundeten und einem Teil der Artillerie verlassen. Vor den Toren paradiert der Zug an Joseph vorbei, und Mélac wird vom König empfangen. Glaubt man dem Herzog von Saint-Simon, dem berühmten Hofchronisten des Sonnenkönigs, soll Joseph den General sogar zu einem Essen eingeladen haben.

Mélac verlässt die Rheinarmee und reist nach Fontainebleau an den Hof, wenn auch keines Triumphzugs so doch, ob seines selbstlosen Einsatzes, einer Belohnung gewiss. Und tatsächlich fällt die Pension, die Ludwig seinem Mann fürs Grobe gewährt, königlich aus: 30000 Livres. Dennoch hat der General mehr erwartet: eine letzte große Beförderung. "Mélac", berichtet Saint-Simon, "außer sich vor Schmerz, zog sich nach Paris zurück. Er hatte weder Weib noch Kinder. Er lebte mit vier oder fünf Dienern und verzehrte sich bald vor Kummer in einer Abgeschiedenheit, die er durch keinen Kontakt zur Außenwelt mildern wollte." In seinem Haus in der Rue des Tournelles im heutigen 4. Arrondissement setzt Mélac Ende August 1703 ein weiteres und letztes Testament auf, ein drei viertel Jahr später stirbt er, am 10. Mai 1704.

Für Frankreichs Armee keine Ruhmesgestalt und rasch vergessen – nicht mal ein repräsentatives Porträt hat sich erhalten –, ist er im deutschen Südwesten bald sprichwörtlich geworden, Inbegriff des Bösen. Auch sollte Robespierre letztendlich Recht behalten. Zwar bejubelt man in Deutschland 1789 die Französische Revolution, und als die Soldaten aus Frankreich kommen, nutzen die Bürger vielerorts (zum Beispiel in Landau) die Chance und gründen demokratische Vereine. Doch spätestens mit der Politik Napoleons werden die alten Erinnerungen wieder wach. Die republikanische Mission entpuppt sich als neuer Imperialismus – und der erwachende deutsche Nationalismus hat leichtes Spiel. Jetzt beschwören Bilder und Verse wieder den finsteren Mélac, bald gehört er zum Kanon der antifranzösischen Propaganda. In einer langen Ballade gedenkt 1816 der später als Sagen-Bearbeiter populär gewordene Gustav Schwab seiner ("Mélac, der Franzen General…."), und selbst an entlegenster Stelle, in Karl Mays Kolportageroman Die Liebe des Ulanen, findet sich noch ein fernes Echo des grausamen Generals.

1919 dann muss Mélac im Kampf gegen den Vertrag von Versailles herhalten und gegen jeden Versuch, einen rheinisch-deutschen Separatstaat zu errichten. "Solange die Ruinen von unsern pfälzischen Schlössern wie aus dem Grab gewachsene Schwurfinger sich zum Himmel recken", kündet da ein anonymes Flugblatt, das überall in der Pfalz auftaucht, "wird der Name Melac ein Schandmal französischer Kultur sein. Melac hat die Pfalz verwüstet, unsre Städte, Dome und Schlösser böswillig verbrannt […]. Kein Franzose will diesen Namen kennen und uns lästert man als Barbaren. […] Darum Achtung Ihr deutschen Pfälzer, Frankreich hat immer seine Mittel der Zeit angepasst – sein unentwegtes Ziel ist aber seit Jahrhunderten die Knechtung der deutschen Pfalz – und deren endgültiger Raub."

Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, in dem auch das deutsche Militär so manchen Mélac hervorgebracht hat, ließ am Ende die großen Nationen Europas zusammenfinden. Das Haus aber, das sich der Festungskommandant einst in Landau gebaut hat, ist schon lange eine Gastwirtschaft. Zum Mélac hieß sie. 1851 wurde sie unbenannt: Zur Krone. Und so heißt sie noch heute – Franzosen herzlich willkommen.

Der Autor ist Historiker und leitet das Stadtarchiv in Landau