Wenn Jürgen Schrempp seinen Vorstandskollegen Wolfgang Bernhard traf, muss er regelmäßig ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt haben. Zu ähnlich waren Habitus und Auftreten des ehrgeizigen Allgäuers dem Bild, das der Südbadener auf dem Weg an die Konzernspitze selbst abgegeben hatte: durchsetzungskräftig und knallhart in der Sache, aber auch jovial und hemdsärmelig im Umgang. Jetzt hat Schrempp den Mann, den er selbst als Chef der Mercedes Car Group und damit zur faktischen Nummer zwei im DaimlerChrysler-Konzern promoviert hatte, abrupt fallen gelassen.

Das Opfern Bernhards im Zuge der Mitsubishi-Krise zeigt, dass Jürgen Schrempp dazugelernt hat. Zwar mag die Tatsache, dass sich Bernhard im Vorstandsdisput um Mitsubishi zum Wortführer der Ausstiegsfraktion gemacht hat, den Ausschlag gegeben haben, wichtiger aber waren dessen Fehler bei Mercedes. Der 43-jährige ehemalige McKinsey-Mann hatte bei seiner steilen Konzernkarriere – Projektleiter S-Klasse-Anlauf, Chef der Tuningtochter AMG, zweiter Mann bei Chrysler – Spitzenleistungen abgeliefert. Sein Umgang mit Mitarbeitern und Zulieferern war aber auch immer grenzwertig. Die einen überforderte er bisweilen, die anderen stieß er durch harsche Forderungen vor den Kopf. Bei der notleidenden Chrysler Group wurde dies durch den Erfolg überdeckt, doch in den letzten Wochen bei Mercedes ignorierte er psychologische Spielregeln.

Den Mercedes-Kollegen das Gefühl zu vermitteln, sie seien ein Sanierungsfall, verletzte deren Stolz. Die Arbeitnehmer, die ohnehin Bedenken gegen Bernhard hatten, sahen ihre Befürchtungen allzu rasch bestätigt. Das hat Schrempp gemerkt. Angesichts all der vielen Baustellen im Konzern kann er sich eines nämlich nicht leisten: eine Verunsicherung bei der Sparte Mercedes, deren Gewinne den Konzern letztlich am Leben halten. Zudem weiß der Konzernchef, dass er die Betriebsräte braucht. Die stützen ihn auch deshalb, weil er – anders als Bernhard – den (Mercedes-)Standort Deutschland nicht infrage stellt. Und die Betriebsräte sind die Einzigen im Aufsichtsrat, die vom Autogeschäft etwas verstehen.

Jetzt kommt es darauf an, für Mercedes den besten Mann zu finden. An der Wahl wird sich zeigen, ob der Konzernchef seine Lektion nachhaltig gelernt hat.

Dietmar H. Lamparter