Zurück blieben auf dem Pflaster vor der Präsidentenresidenz ein paar Helme und Schilde der getürmten Wachsoldaten. Aslan Abaschidse hatte von hier aus 13 Jahre lang über Adscharien, die südwestliche Teilrepublik Georgiens an der Grenze zur Türkei, geherrscht. Am Donnerstag schleiften die siegestrunkenen Demonstranten seinen Sessel aus dem Präsidentenkabinett. Abaschidse war noch nicht im Moskauer Exil gelandet, da ging der Thron in Flammen auf. Die verkohlten Holzklumpen ließ die Menge als Symbol einer vergangenen Ära am Denkmal für Abaschidses Großvater liegen, dem Mitbegründer der adscharischen Autonomie.Der verjagte Präsident berief sich gerne auf seine Vorfahren. Sie hatten schon im 15. Jahrhundert an der Spitze Adschariens gestanden, und entsprechend regierte Abaschidse sein Feudalreich: Für den großzügig definierten Familienclan gab es Lehen, für aufmüpfige Untertanen Polizeiknüppel. In der Nacht zum Donnerstag floh der "adscharische Löwe" mit seinem Sohn, der es bereits als 24-Jähriger unter Vaters Fürsorge zum Bürgermeister der Hauptstadt Batumi gebracht hatte. Ihr Hafen am Schwarzen Meer war als bedeutender Umschlagplatz für aserbaidschanisches Öl eine der Geldquellen Abaschidses, aus denen er wohlweislich nichts an die georgische Regierung weiterreichte. Zudem sollen hie und da eine Schmuggelladung Waffen oder Rauschgift die Einnahmen der abtrünnigen Republik ergänzt haben.Abaschidses Sturz wurde zum Triumph des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili. "MischaMischa"-Rufe hallten ihm in Batumi entgegen. Saakaschwili hatte im November vergangenen Jahres bereits in Georgiens Hauptstadt Tiflis die Volksmassen mit hitzigen Tiraden angefeuert und mit einer Rose in der Faust seinen Vorgänger Eduard Schewardnadse aus dem Amt vertrieben. Danach eroberte der 36-Jährige als letzter Hoffnungsträger des verarmten und zerfallenen Landes mit Wahlergebnissen von mehr als 90 Prozent fast oppositionsfrei die Macht.Saakaschwilis hitzköpfige Auftritte und seine nationalistischen Parolen weckten zuerst Befürchtungen. Doch der ausgewiesene Westler, der jahrelang in den USA studiert hatte und mit einer Holländerin verheiratet ist, hat sie bisher widerlegt. Er steht für einen neuen, jungen Politikertyp im Kaukasus: reformbereit, vernunftbegabt und weltläufig, ohne jeden Kadergeruch der sowjetischen Nomenklatur. Wie ein U-Boot der Amerikaner tauchte der Kennedy-Bewunderer im Südkaukasus auf und verstand es voller Geschick, sich mit dem schwergewichtigen Nachbarn Russland gut zu stellen. Saakaschwili lobt Präsident Wladimir Putin allerorten und bedankt sich artig für jede diplomatische Unterstützung. Doch hinter dem geschmeidigen Verhalten blitzt Entschlossenheit hervor. Der Kreml begrüßt Saakaschwilis offene und konkrete Verhandlungsführung und nimmt ihn als Partner ernst. Den früheren Verbündeten Abaschidse ließ er dagegen fallen. Im adscharischen Konflikt hat Saakaschwili auch dank der Telefongespräche mit Putin oder manchem Warnruf aus Washington das richtige Timing für Druck und Konzession bewiesen. In einem Landstrich, in dem das Abfeuern eines Maschinengewehrs in die Luft als emotional zurückhaltende Äußerung gelten kann, ist die nach Adscharien exportierte Mini-Rosenrevolution ohne Blutvergießen ein Fortschritt. Die eher unsortierte Opposition im Nachbarland Armenien schaut mit Neid auf Georgien.Der adscharische Sieg hat Saakaschwili, von dem sein verzweifeltes Volk Wundertaten erwartet, eine Verschnaufpause verschafft. Seinem Versprechen, die abtrünnige georgische Erde einzusammeln, ist er im ersten Sauseschritt gerecht geworden. Doch sein berauschender Triumph könnte ihm zur größten Gefahr werden. Schon hat er angekündigt: "Ich bin überzeugt, dass wir bald gemeinsam nach Abchasien gehen und uns vollkommen vereinigen." Doch die Situation der abgespaltenen Provinzen Abchasien und Südossetien an der Grenze zu Russland unterscheidet sich von der Adschariens. Beide haben sich Anfang der neunziger Jahre in blutigen Kämpfen, unterstützt von Russland, vollkommen aus dem georgischen Staatsverband gelöst. Mehr als 8.000 Menschen starben damals, 300.000 Georgier mussten fliehen. Die Erinnerung an die Gräueltaten beider Seiten ist noch wach. In Südossetien und Abchasien, dessen Bewohnern Russland sogar Reisepässe ausstellt, sind zudem russische Friedenstruppen stationiert. Ein Angriff auf Abchasien, und sei er rosenbewehrt, könnte einen Krieg mit unabsehbaren Folgen auflodern lassen.Saakaschwili sollte vielmehr Georgien zu einem Modellfall machen, indem er konsequent die Korruption und Bürokratisierung bekämpft und das Steuersystem und den Zoll reformiert, womit er zugleich den Schmuggelbaronen in den abgespaltenen Provinzen das Einkommen schmälern würde. Ein in der georgischen Verfassung verankertes politisches System mit klaren Checks and Balances und einer ausgewogenen Verteilung der Rechte und Pflichten zwischen Tiflis und den Teilrepubliken könnte die Angst vor einer zu großen Machtgier des Präsidenten mildern.Ein aufblühendes Georgien wäre langfristig die unwiderstehlichste Werbung an die abtrünnigen Provinzen für die Rückkehr in den Staatsverband. Dem Westen kommt Saakaschwili am schnellsten näher, wenn er seinem Land nicht überstürzt Abenteuer, sondern überlegt Stabilität verschafft. Sie wäre zugleich die beste Versicherung für den eigenen Präsidentensessel.