Auf einmal schlagen sie alle Alarm, ob Internationale Energieagentur (IEA), Zentralbankiers oder Regierungschefs der westlichen Welt. Der Ölpreis erreichte diese Woche eine Marke, die schlimmes befürchten lässt. Mit einem Preis von rund 40 Dollar per Fass Rohöl liegt er nun auf einem Niveau, das letztmals vor 13 Jahren erreicht wurde, nachdem der Irak Kuwait annektiert hatte. Am Horizont der Weltkonjunktur ziehen dunkle Wolken herauf. Zu befürchten ist eine Schwächung der wirtschaftlichen Erholung, im schlimmsten Fall gar ein rezessiver Einbruch der Weltwirtschaft. Der Ölpreis treibt nicht nur die Benzinkosten hoch, was die Verbraucher bereits zu spüren bekommen. Bleibt er auf dem derzeitigen Niveau, ist laut IEA mit einem Rückgang des Wachstums um einen halben Prozentpunkt zu rechnen. Besonders arg betroffen wären die Eurozone und die Länder Asiens. Wobei Europa noch von Glück sagen kann, dass der Dollar derzeit relativ schwach ist. Andernfalls würden die steigenden Ölpreise noch härter durchschlagen auf die kriselnden Volkswirtschaften des Kontinents.

Der Ölpreis wird nicht allein durch harte Fakten wie Nachfrage und Angebot, Förderquoten und Raffineriekapazitäten bestimmt. Stets spielen auch psychologische Faktoren mit hinein. Allen voran versetzt die Ungewissheit über die weitere Entwicklung im Irak die Märkte in Unruhe. Für die derzeitigen Ölpreise ist aber nicht allein die bedrohliche irakische Situation verantwortlich. Weltweit wird mehr als jemals zuvor nach Öl verlangt. Die Nachfrage ist nicht zuletzt wegen des stürmischen Wachstums in China und Indien sprunghaft angestiegen. Der Öldurst dieser Länder ist enorm. Er wird weiter wachsen. China, dessen Wirtschaft jährlich um 8 bis 10% wächst, hat sich mittlerweile hinter den USA zum zweitgrößten Ölverbraucher der Welt gemausert. Erfolgreiche Volkswirtschaften verbrennen mehr Öl.

Zum wenig erfreulichen Gesamtbild tragen auch die niedrigen "inventories" bei, das Öl also, das sich in Lagern, Raffinerien und Pipelines der westlichen Welt befindet. Und dann ist da die nur allzu begründete Furcht vor Terrorattacken auf Ölterminals und Tanker. Die Angriffe auf Anlagen der irakischen Ölindustrie in Basra vor ein paar Wochen und die jüngsten Anschläge auf die saudische Petrochemie könnten nur ein Vorspiel gewesen sein. Der Nachschub an Öl wäre durch gezielte terroristische Aktionen empfindlich zu stören und könnte ganz schnell ernste Versorgungsengpässe heraufbeschwören. Als besonders bedroht gelten die Tanker-Route im Golf von Persien wie die Straße von Malakka, eine andere Lebensader der globalen Industriegesellschaft, die mehr denn je aufs schwarze Gold angewiesen ist.

Wenn immer es kriselt, fällt der Blick auf die OPEC. Das Teilkartell fördert nur gut ein Drittel der gesamten Ölmenge der Welt, steht aber für 65% der gesamten Exporte von Rohöl. Die 13 OPEC-Staaten müssten nun die Hähne weiter aufdrehen, fordert die IEA, schon im eigenen langfristigen Interesse, um die Entwicklung alternativer Energien zu verhindern und keine Marktanteile an Nicht-OPEC-Staaten wie Russland zu verlieren. Das Teilkartell unter Führung der Saudis weist das Ansinnen nach höheren Förderquoten zurück: Auf dem Weltmarkt sei genug Öl vorhanden.

Die OPEC war vor einigen Jahren als Papiertiger bezeichnet, und, wie sich nun zeigt, voreilig totgesagt worden. In Wahrheit arbeitet die Zeit und die Geologie für das Kartell, insbesondere die 5 Nahoststaaten, also Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait und die Emirate, in deren Boden über die Hälfte aller Ölreserven der Welt liegen. Über die letzten Jahre hinweg hat die Organisation ihre Fähigkeit demonstriert, den Ölpreis auf dem gewünschten Niveau zu halten. Selbst die Schwierigkeiten des Kartells, die eigenen Mitglieder zu Disziplin und Einhaltung der zugestandenen Förderquoten zu halten, fallen nicht mehr so sehr ins Gewicht. Im April förderten die Mitglieder der OPEC zwei Millionen Fass mehr pro Tag als eigentlich vorgesehen. Doch der Öldurst der Welt führte nicht zu einem Verfall der Preise. Im Gegenteil, wie wir derzeit erleben. Die OPEC denkt offenkunig nicht daran, mehr zu fördern, um die Preise zu drücken. Selbst die Saudis machen keine Anstalten, durch höhere Produktion jenen Regierungen im Westen entgegenzukommen, die bald in Wahlen hinein müssen und deren Chancen auf einen Wahlsieg durch hohe Ölpreise erheblich gemindert werden. Dabei wurde kürzlich erst kolportiert, die Saudis hätten der Bush-Regierung verbindlich zugesagt, im amerikanischen Wahljahr für einen stabilen Ölpreis zu sorgen. (Nichts hassen amerikanische Autofahrer mehr als hohe Benzinpreise in der Sommersaison.) Sollte Terrorismus zu einer krisenhaften Zuspitzung führen, mag Riad seine Haltung ändern. Dann aber wäre auch der Westen gezwungen, die eigenen Rücklagen anzuzapfen. Washington hat in den vergangenen Jahren seine strategische Ölreserve auf über 600 Millionen Fass aufgestockt.

Die jedoch soll nur im extremen Notfall angezapft werden.