So weit sind wir gekommen: Jetzt muss uns ein Ossi den Westen erklären. Frank Castorf, Intendant der Ostberliner Volksbühne, hat soeben mit seinem üblichen Gebrüll und dem Stück Gier nach Gold die Ruhrfestspiele in Recklinghausen eröffnet, die er nun ebenfalls leitet. "Ostbahnhof West" steht groß auf dem Festspielhaus, das der Cowboy C. zum Saloon seiner sattsam bekannten Eastern umfunktioniert. Eigentlich hat er nix anderes gemacht, als seine Barackenästhetik samt dazugehörigen Videos, Mitarbeitern und Weltsicht ein paar hundert Kilometer nach Westen zu verlagern. Vom routiniertesten Stückekaputtmacher der Republik erhofft sich das kaputte Ruhrgebiet ein bisschen Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse, ex oriente Rebellion. Der Import-Rebell liefert wie bestellt, legt die Füße auf den Tisch und kokettiert damit, dass allein der schäbige Ostler weiß, was Elend, Schmutz und Fremdbestimmung zur Profitmaximierung bedeuten. Für ihn ist Recklinghausen das neue Woodstock – ein leerer Acker, den sein Festival mit Bedeutung füllt.

Die Gleichung mag den Pott-Vermarktern gefallen, in Wahrheit ist sie eine Unverschämtheit. Hier werden ahnungslos mal eben 50 Jahre Festspiel- und 200 Jahre Industriegeschichte beiseite gefegt. "Besetzung" und "Belagerung" sind Kernbegriffe eines Konzepts, das Castorf als vermeintliche Innovation aus dem Osten herbeischleppt. Hey, Django, schon mal was von Rheinhausen gehört? Das Stahlwerk wurde schon besetzt und belagert, als du noch nicht mal wusstest, was ein Videorekorder überhaupt ist!

Warum aber macht man es ihm so leicht? Warum schafft es das Ruhrgebiet nicht selbst, Typen wie ihn hervorzubringen? Eine eigene Stimme, eine eigene Art, die Welt zu sehen, den Colt zu ziehen? Auch tief im Westen gibt es seit jeher Ecken, in denen man so wenig tot überm Zaun hängen möchte wie in Bitterfeld. Doch die einzigen Kunstfiguren, die hier geschaffen wurden, sind Tegtmeier und Schimanski. Der eine ist tot, und der andere hat die Jacke schon lange ausgezogen.

Die bevölkerungsreichste Gegend der Republik, die so gern das deutsche Los Angeles wäre, die vernetzte Metropole der Zukunft, hat bislang keine Subkultur hervorgebracht, die prägend geworden wäre für den Rest des Landes. Die Industrieruinen mit Kunst zu füllen ist eine fixe Idee der Zugereisten: zuerst Gerard Mortier mit seiner Ruhrtriennale, jetzt Castorf. Die reisende Kulturschickeria bestaunt deren Mitbringsel aus der großen, weiten Welt, doch die Einheimischen sind offenbar froh, dass sie all die Kokereien und Gebläsehallen nicht mehr von innen sehen müssen. Der frühverrentete Kumpel macht aus seinem Schicksal kein Drama, sondern nagelt eine neue Latte an den Taubenschlag und macht ansonsten kulturhistorische Führungen auf der Zeche Zollverein. 100 Jahre Sozialdemokratie und ungezählte Milliarden Steinkohlesubventionen haben dem Pott das Kochen ausgetrieben.

Einzig der Fußball hat eine eigenständige Kultur ausgeschwitzt, jeden Samstag um halb vier beginnt das Theater. Da spielt der Westen, anders als der Osten, 1. Liga. Aber auch nur da.