Es ist eher selten, dass man in einem Buch auf Freunde stößt. Gabriele Wolff behauptet zwar in ihrer Vorbemerkung zu Das dritte Zimmer, es handle sich nicht um einen Schlüsselroman. Aber mir fällt es schwer, diesen kleinen Referatsleiter in der "Abteilung IV, Landesvermögen und Landesschulden, Referat 44, Liegenschaften, Zimmer 306, Telefon 2440" als Romanfigur Lennart Voßwinkel (wie Wolff ihn genannt hat) wahrzunehmen und nicht als meinen alten Freund P. Denkbar ist natürlich, dass Wolff ebenfalls P. kennt. Doch das ist eher unwahrscheinlich, P. arbeitet in einer anderen Behörde in einem anderen Bundesland als Gabriele Wolff, die im Brotberuf Oberstaatsanwältin im brandenburgischen Neuruppin ist.

Wie dem auch sei: Die Mischung aus lauernder Unterwürfigkeit, stets einschaltbereiter Häme und Distanz suchender Bildungsbürgerlichkeit, mit denen der Mensch im höheren Dienst die Aktivitäten seiner Vorgesetzten belauert, ist selten so scharf ins Auge gefasst worden. Der Beamte als Existenzform zwischen Kratzfuß und Kratzbürstigkeit, zwischen Ducken und Mucken hat in Wolffs Krimi ein subtiles Denkmal erhalten. Beamtenbeobachtung wird zwangsläufig Beamtensatire: "Auf die Nullen in der Telefonnummer waren die andern ganz wild. Null, das hieß Leitungsfunktion. Je mehr man leitete, desto mehr Nullen am Ende der Nummer. Der Minister hatte die maximale Null-Nummer: 2000."

Wer will schon eine Null-Nummer? Bis zu dem Morgen, an dem er seinen Ministerialdirigenten mit einer Schusswunde im Kopf auf dem Schreibtisch liegend antrifft, hat Voßwinkel maximale ästhetische Distinktion zur Chefetage praktiziert. Mit feinen Rotweinen, ausgesuchten Schostakowitsch-Aufnahmen und Bachmann-Lektüre (Malina!) statt Kantinenfraß hatte Voßwinkel sich das ihn umgebende Mittelmaß vom Leib gehalten. Jetzt aber ist er dran. Der Chef ist tot, es lebe Voßwinkel.

Unerwartet bricht Kühnheit in ihm aus, angestachelt noch durch die dämonische Assistentin des neuen Staatssekretärs. Diese Monika Herbst ist eine Mehrfach-Inkarnation von Männerträumen. Sie besetzt Voßwinkels Bewusstsein: als Büro-Intrigantin vom Format hochgeschlossen – unnahbar, als Einzeltänzerin in der Disko traumhaft bei sich. Und eines Nachts spreizt sie als Vamp, makellos auch unbekleidet, vor dem zitternden Voßwinkel die Beine. Natürlich ist das alles Verstellung, Bestandteil eines längst durchschauten Spiels. Es ist das uralte Spiel mit der Macht.

Der tote Abteilungsleiter war mit dem wg. Regierungswechsel ausgeschiedenen Staatssekretär in einen korruptionsverdächtigen Immobiliendeal verwickelt. Soll vertuscht, soll aufgedeckt werden? ist die Frage. Voßwinkels Ex (bei Wolff wimmelt es von Ex-en) macht sich als Enthüllungsjournalistin nützlich; er selbst, urplötzlich karrieregeil, hofft, durch geschicktes Taktieren mit Presse und Kriminalpolizei, die zeitweise auch ihn als Täter verdächtigt, die Nachfolge des Toten anzutreten. Doch entpuppt sich das gestreute Gerücht von der Durchstecherei als noch viel infamere Palast-Intrige, und beinahe tritt Voßwinkel die Nachfolge seines Vorgesetzten ganz anders an, als er sich das erträumt hat: als Leiche.

Das Spiel um die Macht, die Inszenierung von Verdächtigungen und Gerüchten, die Psychologie des mittleren Beamtentums und das omnipotente Gebaren der Vorgesetzten, auch das Los der Frauen dazwischen – das hat Gabriele Wolff glänzend geschildert. Zu Recht hat sie deshalb auf der Criminale 2004 ( ZEIT Nr. 20/04: Vorsicht, Platzpatronen! ) den Glauser für den besten Kriminalroman des Jahres und 5000 Euro in kleinen, nicht nummerierten Scheinen erhalten. Denn bisher haben sich nur wenige Autoren in das verminte und nicht gerade mit attraktiven Figuren reich besäte Gelände höherer Bürokratien gewagt. Am ehesten ist hier noch an Susanne Thommes zu denken, die 1987 mit Unter Krokodilen eine bösartige Psychostudie über die mörderischen Kämpfe unter Managern vorgelegt hat. Vielleicht hat Gabriele Wolff der Kraft ihrer Satire nicht ganz getraut. Denn die bissige Geschichte vom Genießer Voßwinkel, dem die Umstände erlauben, sich in einen Karrieristen zu verwandeln, hat sie zusätzlich düster mit einem Psychotrauma grundiert, das bis in die Kindheit zurückreicht. Das dritte Zimmer ist nicht nur Voßwinkels Ziel – dort residieren die Abteilungsleiter –, sondern auch Voßwinkels Ursprung. Nur so viel sei verraten: Auch sie hieß Monika. Denn: "Es ist über alle Maßen entsetzlich, ich zu sein", zitiert Voßwinkel Arno Schmidt. Chapeau, Frau Wolff!

Gabriele Wolff: Das dritte Zimmer

Haymon-Verlag, Innsbruck 2003; 282 S., 22,- Euro