Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.

So rühmt Weyla, eine Göttin, ihr Land, die Insel Orplid, auf der als Letzter ein tausendjähriger König lebt, der von seinem Leben und seiner Liebe zu einer Fee befreit sein möchte. Diesen Mythos, den Mörike und seine Freunde in Improvisationen, Briefen, Gedichten, Dramen und Erzählungen immer weiter ausspannen, wird man in keinem Lexikon der Mythologie finden. Und doch ähnelt dieses Fantasieprodukt Tübinger Studenten, mehr als die klassizistischen und romantischen Reprisen griechischer oder germanischer Göttergeschichten, dem echten Mythos. Wie dieser ist er von einer Gemeinschaft erfunden, läuft nur mündlich um und und verändert sich im Lauf der Zeit. Als Mörike dem "Sichern Mann", einer der orplidischen Figuren, die endgültige Gestalt einer Verserzählung gibt, bemerkt David Friedrich Strauß den Unterschied zwischen dem publizierten Gedicht und seiner mündlichen Vorform. Mörike rechtfertigt sich: "Es kann wohl sein, dass ich die Sache früher etwas anders erzählte, indessen weißt Du ja, mein Lieber, wie sich ein Mythos im Lauf der Zeit bald besser, bald schlechter formiert." (Strauß hatte als Erster die Evangelien als Mythen über das "Leben Jesu" interpretiert.)

Da Mythen im Unterschied zu Texten sich wandeln, können sie private und kollektive Erfahrungen in sich aufnehmen und in eine anschauliche Erzählung überführen, die das Banale der Wirklichkeit verzaubert und die Last des Erlebten erleichtert. In der poetischen Fantasie von Orplid und dem Schicksal seiner Bewohner ließen sich Studentenscherze, Spott auf die Tübinger Kleinbürgerwelt, jugendliche Träumereien und unglückliche Liebschaften unterbringen.

Orplid ist der poetische Traum von einer mythischen Welt, in der missglückte Liebe bereits zu einer uralten Geschichte geworden wäre. Von Peregrina wird in den gleichen magischen Formeln gesprochen – "Als ginge, luftgesponnen, ein Zauberfaden / Von ihr zu mir, ein ängstig Band" – wie von den Königen, Geistern und Flüssen der imaginären Insel. In der ersten Niederschrift (1824) der Peregrina-Gedichte heißt es: