Von der Zeit an
Kamen mir Träume voll schöner Trübe,
Wie gesponnen auf Nebel-Grund;
Wußte nimmer, wie mir geschah,
War nur seliger Krankheit voll.

Der "Nebel-Grund", der mit "tausend Tränen" die Träume von Maria-Peregrina durchzieht, kehrt im Gesang Weylas als der "Nebel" wieder, "so der Götter Wange feuchtet". Die feuchte Wange, im Liebesgedicht eine Folge der "tausend Tränen", verwandelt sich im Orplid-Mythos in eine Befeuchtung durch Opferdampf. War Mörikes erotische Melancholie überhaupt heilbar, dann durch das Bild mythischer Sinnlichkeit: "Uralte Wasser steigen / Verjüngt um deine Hüften, Kind!" Unter den Freunden, die sich in Tübingen über den Mythos Orplid verständigt hatten, zirkuliert eine realitätsferne Sprache, um eine unglückliche Liebschaft in glückliche Poesie zu übersetzen. Zwei Freunde, der Maler Nolten und der Schauspieler Larkens, führen in Mörikes Roman das "phantasmagorische Zwischenspiel: Der letzte König von Orplid" auf, Szenen des endgültigen Abschieds von einer tausend Jahre dauernden erotischen Verfallenheit – was freilich auch die ängstliche Erwartung des Dichters verrät, dass sein gewöhnliches Leben für eine solche Befreiung zu kurz sein könnte.

Es war eine schöne Täuschung, der sich Mörike und sein Tübinger Kreis hingaben: dass Dichtung ein freier Akt der Fantasie sei. Denn diese poetische Unbedingtheit wollte die sozialen Bedingtheiten vergessen, denen sie, Theologiestudenten am Stift, unterlagen. Für sie war die Aussicht, Pfarrer zu werden, eine ökonomisch begründete Pflicht, der sie mit innerer Reserve, ja Abneigung gegenüberstanden und der sie sich, sobald es ging, entzogen. Mörikes Biografie ist charakteristisch für die württembergische Intelligenz im 19. Jahrhundert. Sie stimmt, um nur die Namen seiner engeren Freunde zu nennen, mit der Vischers, Strauß’, Bauers oder Mährlens in großen Teilen überein. Dieser Bildungsweg führte, zumindest seit dem 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, der Kritik, der Philosophie und der Revolution, in einen unauflösbaren Widerspruch. Die vom Staat sorgfältig ausgewählten und sorgsam unterhaltenen Zöglinge der evangelischen Seminare und des Tübinger Stifts lernten in einem gründlichen Unterricht klassische und moderne Literatur und Philosophie kennen. Sie wurden dadurch aber auch befähigt, sich solche kritischen und revolutionären Gedanken anzueignen, die von Schule und Universität ausgeschlossen waren. Waren diese "weltlichen" Interessen einmal geweckt, so ließen sie sich kaum noch mit den geistlichen Beschränkungen vereinbaren, die auf einen Kandidaten für das württembergische Pfarramt zukamen.

Während seinen Freunden bald der Ausweg in einen weltlichen Beruf, als Professor oder Schriftsteller zumeist, gelang, verbrachte Mörike, ängstlicher, rücksichtsvoller und abhängiger als sie, trotz ständiger Vorsätze und kurzer Ausbrüche seine beste Zeit in dieser unglücklichen Stellung. Als er nach zwanzigjähriger Vorbereitung und Tätigkeit – die oft nur eine besoldete Untätigkeit war – dieses Dienstes ledig war, konnte er nicht mehr zum verlorenen Anfang einer poetischen Existenz zurückfinden.

Vielleicht aber sind es gerade die beklagten und dennoch akzeptierten Einschränkungen eines unbedeutenden Lebens, denen er den besonderen Ton seiner Lyrik verdankt. Da er seiner Umgebung keine Extravaganzen zumuten wollte, auch von sich selbst keinen Heroismus fordern mochte, musste er – zum Vorteil seines Werkes – auf den großen Stil verzichten, den ihm Wilhelm Waiblinger etwa mit seinem abenteuerlichen Leben und in einer hochgestimmten Dichtung vorführte. Bereits als Zwanzigjähriger diagnostizierte Mörike, nicht zufällig in einem Brief an Waiblinger, seine eigene Lebensschwäche: "Es ist überhaupt in meinem wirklichen Zustand ein besonders peinlicher Zug, dass alles, auch das Kleinste, Unbedeutendste, was von außen an mich kommt – irgendeine mir nur einigermaßen fremde Person, wenn sie sich auch nur flüchtig nähert, mich in das entsetzlichste bangste Unbehagen versetzt und ängstigt, weswegen ich entweder allein oder unter den Meinigen bleibe, wo mich nichts verletzt, mich nichts aus dem unglaublich verzärtelten Gang meines innern Wesens heraus stört und zwingt."