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Dem Normalmenschen begegnen sie meist nur im Fernsehen, in der Zeitung und in Büchern: Menschen, die faszinieren, weil sie viel riskieren. Der Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg, der Bergsteiger Reinhold Messner und die Tigerdompteure Siegfried und Roy gehören zu ihnen. Daneben gibt es die Wirtschaftsbosse, die Schrempps und Mehdorns, die zwar mit dem Geld anderer jonglieren, aber trotzdem viel riskieren, weil jede ihrer Taten den eigenen Ruf und Marktwert gefährdet. Nicht zu vergessen die Schar der weniger oder nicht prominenten Skispringer, Drachenflieger, Pferderennwetter oder Roulettespieler.

Die Wagemutigen unterscheiden sich vom Heer der "Normalen" durch ihre Freude an der Gefahr – aber auch untereinander, je nachdem, welche Risiken sie bevorzugen und wie sie sie angehen. Die Bandbreite reicht vom kontrollbesessenen Michael Schumacher, der nichts dem Zufall überlässt, bis zum unbekannten Snowboarder, der sich aufgrund maßloser Selbstüberschätzung im Steilhang den Hals bricht.

Psychologen haben schon viele Versuche unternommen, analytisch dem Phänomen der Risikopersönlichkeit auf die Schliche zu kommen. In den siebziger Jahren versuchte es Marvin Zuckerman von der University of Delaware mit einer Typologisierung. Ihm war aufgefallen, dass manche Menschen Monotonie und Langeweile viel schlechter ertragen als andere. Sie werden nach kurzer Zeit hochgradig unruhig und unleidlich. Zuckerman nannte diese Verhaltensdisposition sensation seeking und definierte sie als ein Bedürfnis nach abwechslungsreichen, neuen Eindrücken und als Bereitschaft, auch physische und soziale Risiken auf sich zu nehmen, um sich diese Eindrücke zu verschaffen. Seine Liste der sensation seekers unterschied die Abenteuer- und Thrill-Sucher von den Erfahrungssuchern, die sich auch unter Künstlern finden. Zuckerman entdeckte unter Alkoholikern und Spielsüchtigen die Missbrauchs-Sucher sowie eine Gruppe, deren Mitglieder Routine nicht ertragen können, die Langeweile-Vermeider. Er zählt zu den Sensationsuchern aber auch Exemplare ohne hohe Risikoneigung, darunter viele Künstler.

Taktik der verbrannten Schiffe

An Zuckermans Typologie kritisiert der Potsdamer Psychologe Falko Rheinberg, es handle sich um eine "schlicht eigenschaftstheoretische Verhaltenserklärung". Sie gehe an der schon 1946 von Kurt Lewin aufgestellten Gleichung vorbei, wonach Verhalten stets eine Funktion der Person und der Situation sei. "Als wirklich riskant wird eine Handlung dann erlebt, wenn es nicht nur etwas zu gewinnen oder zu erreichen, sondern bei ungünstigem Verlauf auch etwas zu verlieren gibt", lautet Rheinbergs Definition.

Das hieße, dass die Lust am Risiko nicht primär ein Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern eine Frage der Umstände. Tatsächlich haben der israelische in den USA lehrende Psychologe Daniel Kahneman und sein Kollege Amos Tversky diese Annahme Anfang der achtziger Jahre nicht nur bestätigt, sie machten (um Risikoverhalten vor allem in der Wirtschaft zu beschreiben) sogar eine Theorie daraus: Menschen hätten in Wahrheit nicht Angst vor Gefahren, sondern scheuten Verluste. Sie mieden jede Veränderung umso ängstlicher, je sicherer sie sich gerade fühlten. Das mag spitzfindig klingen, macht in der Realität aber einen enormen Unterschied aus, vor allem für diejenigen, deren eigene Risikofreude von Besitzstandwahrern ausgebremst wird.

Schon die Feldherren der Antike müssen das gewusst haben, steigerten sie die Risikofreude der Truppe doch gelegentlich, indem sie Brücken oder Schiffe hinter sich verbrannten, um den Rückzug unmöglich zu machen. Diese Taktik ist heute wieder in Mode. Beklagen Firmenleiter die Risikoresistenz ihrer Angestellten, weiß der Experte Rat. "Solange Menschen einen insgesamt positiven Status quo zu verteidigen haben, hilft alles nichts", sagt der selbstständige Unternehmensberater und Psychologe Winfried Berner, "die meisten von ihnen werden in ihrem Handeln risikoscheu sein." Zur Abhilfe empfiehlt er seinen Kunden im Management: "Sie müssen idealerweise eine Situation herbeiführen, wo jeder einzelne Mitarbeiter persönlich in einer Alles-oder-nichts-Situation ist."

Nicht jeder in der Belegschaft aber wird auf die Provokation mit gleicher Risikobereitschaft reagieren. Die individuelle Prägung – unabhängig von der Situation – zeigt sich nämlich schon bei Kleinkindern. Die Forschen starten im Krabbelalter Erkundungen auf ungesicherten Treppenabsätzen, später üben sie auf Balkonbrüstungen, die Balance zu halten, und sie wagen selbstständige Exkursionen durch Warenhäuser und über Rummelplätze. Wahrnehmbare Folgen des risikoreichen Tuns sind Platzwunden, Knochenbrüche und Beschwerden der Nachbarn. Häufig sind Eltern trotz aller Ängste auch stolz auf ihre kleinen Draufgänger. Wer mutig ist und etwas riskiert, kommt besser voran im Leben, glauben viele.

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Das aber ist zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs ausgemacht. Der Hamburger Kinderpsychologe Gerhard Süss interpretiert riskantes kindliches Verhalten mitunter als Zeichen für eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung. Etwa im Alter von sieben bis neun Monaten versucht ein Kleinkind in unbekannten Situationen, die Gefühle seiner Bezugsperson, meist der Mutter, zu erkennen, um sich daran zu orientieren. Schaut diese es aufmunternd an, gibt sie ermutigende Signale, dann macht das Kind fröhlich weiter mit seiner Beschäftigung. Setzt sie dagegen eine besorgte Miene auf, bricht es seine Aktivitäten häufig ab. Bereits in dieser Entwicklungsphase werden Weichen für späteres Risikoverhalten gestellt. Ist die Mutter ängstlich, wird ein Kind sich später auch eher ängstlich verhalten. Ist sie aber selbst ein ausgesprochener Risikotyp, dann hat sie ihrem Kind die entsprechende Disposition nicht nur vererbt, sondern verstärkt sie noch durch ihre eigenen, oft unbewussten Signale.

"Kinder sehen in das Gesicht der Mutter und schätzen an deren Reaktionen ihr Risiko ein", sagt Süss. Wenn diese Reaktionen Angst, Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung signalisieren, kann die Mutter ihrem Kind den inneren "Risikokompass" nicht vermitteln. Es bekommt keinerlei Gefühl für Gefahr, fürchtet weder Bahnübergänge noch fremde Onkel oder Kampfwauwaus. In einem solchen Kind schlummert mit Sicherheit kein künftiger Reinhold Messner, sagt Süss, zum Glück aber auch kaum ein späterer Hasardeur, dessen größtes Vergnügen im Russisch-Roulette-Spielen besteht.

Zweikampf der Seelen

Vererbung und frühkindliche Prägung bestimmen zwar viel. Wie die Grundausstattung der Risikofreude später zum Tragen kommt und wie sie ausgelebt wird, bestimmt auch die Biografie. Mitte der neunziger Jahre entwickelte der Hamburger Psychologe Burghard Andresen ein Modell der Risikopersönlichkeit, mit dem sich sowohl die Situation wie auch der jeweilige Risikotyp erfassen lässt. Damit brachte er eine klassische Theorie der Persönlichkeitsforschung ins Wanken. Diese hatte sich in den achtziger Jahren auf fünf Merkmale geeinigt, auf die sich alle menschlichen Verhaltensweisen verteilen lassen – die so genannten Big Five: Extraversion (die Neigung zu Geselligkeit und Optimismus), Neurotizismus (die Neigung zu Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit), Offenheit (die Neigung zu neuen Erfahrungen), Altruismus (die Neigung zu Hilfsbereitschaft und Nachgiebigkeit) und Gewissenhaftigkeit (die Neigung zu Disziplin, Sorgfalt, Leistung). Die Big Five sind ein Konstrukt. Den reinen Altruisten oder Neurotizisten gibt es in Wirklichkeit nicht, Menschen sind immer eine Mischung, allerdings mit mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Dispositionen.

Andresen fand nun eine Reihe von Persönlichkeitsfaktoren, die in den fünf Verhaltensweisen nicht aufgehen. Diese sechste Verhaltensdimension nannte er readiness to risk and fight: Risikobereitschaft als die Neigung, Chancen zu suchen, Wagnisse einzugehen und Verluste einzukalkulieren. Zugleich behauptete er (und sorgte damit für Aufruhr unter Persönlichkeitsforschern), dass diese Neigung sich aus zwei gegenpoligen Faktoren zusammensetzt, nämlich der Suche nach Chancen auf der einen und der kontrollierten Vorsicht auf der anderen Seite. Menschen mit hoher Risikobereitschaft hätten immer beides in sich, sowohl das Streben nach Erfahrung, Eroberung, Lust, Sinnlichkeit als auch die Neigung zu Kontrolle, Vorsicht, Planung. Die jeweilige unterschiedliche Gewichtung sei messbar. So ließ sich etwa Rüdiger Nehberg nach Andresens Methode testen. Resultat: extrem hohe Werte sowohl für Risikobereitschaft wie auch für Kontrollverhalten.

Der leichtsinnige Snowboarder dagegen weist enorme Risiko- und wenig Kontrollwerte auf. Manchmal, sagt Andresen, trete gar die paradoxe Situation auf, dass jemand eine Kontroll-Risiko-Gleichung von null hat. Solchen Menschen sei selbst nicht bewusst, dass sie zwei Wesen in der Brust haben, die innerlich ständig miteinander verhandeln. "Ein Freund von mir träumt von großen Unternehmungen, aber bremst sich mit dem eigenen Kontrollverhalten gleichzeitig immer wieder aus", erzählt Andresen. In manchem Feigling schlummert ein verborgener Abenteurer.